Mark Tipple

Text Martin Hoch, Bild Mark Tipple
Ein Blick. Faszination, Verwirrung, Gedankenexplosionen. Ich betrachte die Fotografien von Mark Tipples The Underwater Project. Der Künstler veranschaulicht Leben pur, seine Fotografien erzählen Geschichten und sind von ausdrucksstarken Stimmungen und Gefühlen geprägt. Mit Leichtigkeit vermittelt er einem seine Sicht; er hat eine ganz eigene Perspektive, eine, die es sich lohnt, genauer zu studieren.

Ein zweiter Blick. Ich möchte mehr über Mark Tipple und seine Arbeit erfahren. Ich verbringe Stunden damit. Stunden der Faszination. Beim Betrachten seines Portfolios begegnet mir viel Menschlichkeit; darin enthalten ist eine Einfachheit, die nachdenklich macht. Sie ist anziehend. Kommen Sie mit, nehmen Sie meine Hand, ich führe Sie durch die Welt von Mark Tipple.

Mark Tipple – der Dokumentarfotograf

Wildes Haar, Bart – sein Arbeitsort: die Strände Australiens und der Südsee. Seit mehreren Jahren arbeitet Mark bereits als Dokumentarfotograf, leidenschaftlich und mit viel Gespür für seine Umwelt. Durch The Underwater Project erreichte er inzwischen weltweite Anerkennung. Mehrere Zeitungen und Magazine berichteten über sein Projekt, mitunter BBC, National Geographic und The Telegraph. Lassen Sie uns zusammen The Underwater Project betrachten, um die Welt von Mark Tipple, wer er ist und wie er denkt, besser zu verstehen.

People are cool. Photos help tell stories. Happy people are fun. Love. Life.

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Schwimmbrillen wurden aus gutem Grund erfunden.

The Underwater Project

Sie wissen, sie dürfen nicht vergessen, den Sand anzufassen. Sie bleiben unten. Ihre Gesichter verziehen sich und ihre Muskeln straffen sich für den bevorstehenden Kampf mit dem Ozean. Die Welle ist über ihnen vorbeigezogen. Nun können sie wieder zurück an die Oberfläche. Aufatmen.

Sie sind sich nicht bewusst, dass eine Kamera jede einzelne Bewegung aufgenommen hat; ihre von Anstrengung angespannten Arme und ihre Augen, zusammengedrückt, um dem bissigen Schmerz des Salzwassers zu entgehen. Mark Tipple hält seine Kamera ruhig und schwimmt im weissen Schaum zurück zum Ufer.

GS: Deine Fotografien von The Underwater Project sind faszinierend. Explosiv. Welche Idee steckt dahinter – ist es die simple Lust an der Ästhetik oder sollen uns Deine Fotografien noch eine tiefer gehende Nachricht vermitteln?

Mark Tipple: Ich begann spasseshalber damit. Ich hatte damals viel Zeit, war einzig mit dem Schnitt eines Taucherfilms über Haie beschäftigt, und als der Sommer so richtig losging, verbrachte ich viel Zeit im Meer. Da mich die klassische Surf-Fotografie zu langweilen begann, konzentrierte ich mich auf das Fotografieren der „nackten“ Wellen, und obwohl es ziemlichen Spass machte, realisierte ich, dass es irgendwie jeder tat. Ich bin ziemlich eigenwillig; wenn Andere bereits etwas Ähnliches tun, empfinde ich es als nicht mehr speziell und verliere das Interesse. Also habe ich auch damit wieder aufgehört – natürlich ist das in meinem Business nicht sehr förderlich. Als ich jedoch eines Tages in der Nähe der Schwimmer unter eine Welle tauchte, genau dort, wo sie brechen, fand ich etwas komplett Neues. Generell geht es in dieser Serie darum, wie wir mit dem Ozean interagieren. So wie die Jahreszeiten wechseln, so verändert sich auch unser Verhalten dem Ozean gegenüber – die Shorts und Bikinis werden mit Neoprenanzügen ausgetauscht, und der Lifestyle sowie die Herausforderungen im und dem Ozean gegenüber verändern sich; das alles interessiert mich längerfristig.

GS: Deine Arbeit kann als ziemlich voyeuristisch betrachtet werden – du hältst einen Moment fest, in dem keiner Deiner Akteure damit rechnet, beobachtet, geschweige denn fotografiert zu werden. Diese Tatsache verleiht Deinen Fotos eine einzigartig direkte Authentizität. Wie fühlt es sich für Dich an, wenn Du dort unten lauerst und den Bewegungen der Menschen zuschaust, was geht Dir da durch den Kopf?

Mark Tipple: Es ist mir wichtig, dass mich die Leute bei meiner Arbeit unter Wasser nicht wahrnehmen. Ich kann es gut verstehen, wenn die Leute keine Freude daran haben, wenn irgendein Dahergelaufener an Land offensichtlich eine Kamera auf sie richtet. Diese Art der Fotografie liegt mir fern. Wenn ich Menschen fotografiere, sollen sie sich niemals unwohl oder gar erniedrigt fühlen. Wenn ich jedoch die Menschen unter Wasser ohne deren Wissen fotografiere, geht es mir um ein natürliches Resultat – ohne das Wissen, dass eine Kamera auf sie gerichtet ist, wirken Menschen natürlich viel unbefangener und die Szene wirkt nicht gestellt. Wenn ich die Bilder den Menschen danach zeige, sind sie jeweils total positiv überrascht, mehr als solche, die sich bewusst waren, dass sie fotografiert wurden. Das ist ein wichtiger Grund, weshalb ich Fotograf bin – ich möchte den Menschen etwas zeigen, dass sie zuvor noch nie gesehen haben; umso besser, wenn sie selbst sogar noch ein Teil der Szenerie sind. Bis heute habe ich es noch nie erlebt, dass jemand verärgert über die Art und Weise meiner Fotografie war. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen.

GS: Setzt Du Dich bei Deiner Fotografie nicht auch ziemlichen Risiken aus – ein Surfbrett könnte Dich am Kopf treffen, scharfe Korallen Dich verletzen. Oder allein schon die wahnsinnige Kraft der Wellen ist bestimmt nicht harmlos?

Mark Tipple: Ich habe keine Angst, weil ich den Ozean respektiere und meine Grenzen in diesem Element kenne. Ich verbrachte mein ganzes bisheriges Leben im oder am Ozean, natürlich bin ich kein „Wassermann“, aber meine Grenzen kennend weiss ich ziemlich genau, welche Wagnisse ich eingehen kann oder halt auch nicht.

GS: Für The Underwater Project hast Du bestimmt schon dutzende Stunden unter Wasser verbracht – wird es Dir nie langweilig?

Mark Tipple: Im-Wasser-Sein ist für mich eine Form von Meditation. Wellen sind das Resultat einer pulsierenden Energie, weit draussen im Meer, welche wir spüren, wenn wir in den Ozean eintauchen. Ich arbeite nun bereits seit 13 Jahren mit einer Kamera in der Hand, es fühlt sich inzwischen ganz normal an, und trotzdem erfüllt mich noch immer täglich die gleiche Begeisterung wie vor Jahren, wenn ich an einem Projekt arbeite. Meine Erfahrung mit dem Ozean, kombiniert mit der Fotografie, ergibt zusammen eine 20-jährige Beziehung mit den Elementen, mit denen ich arbeite, trotzdem langweilt mich meine Arbeit nie.

Zeit, uns die Bilder anzuschauen. Lassen Sie sich Zeit, bestaunen Sie die Dynamik, versuchen Sie sich selber in diese Welten hineinzuversetzen. Spüren Sie das Salzwasser, wie es brennt, fühlen Sie die Kraft des Ozeans, wie sie Sie kontrolliert, und geniessen Sie den Augenblick des Auftauchens – das Aufatmen.

Thirty Minutes & Shades of Morning

Ich war unterwegs, mitten auf einer zweitägigen Autofahrt, weit entfernt vom Ozean, als ich die Idee eines Bilds hatte – in Gedanken. Und das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Danach plante ich monatelang, kaufte zusätzliche Unterwassergeräte und wartete, bis das Wetter perfekt war, um das Bild einzufangen.

Bei Sonnenuntergang watete ich in den Ozean, stabilisierte das Stativ, hielt meinen Atem an, während ich den Auslöser der Kamera drückte, und dreissig Sekunden später erschien das Bild auf dem Display. Ich hasste es. Ich war überrascht, es entsprach fast genau meinen Vorstellungen – trotzdem: als ich es betrachtete, war ich einfach nur gelangweilt.

Enttäuscht lief ich durch das Flachwasser, hielt das Stativ so, dass das Unterwassergehäuse kopfüber über dem Wasser hüpfte. Gedankenverloren, ohne Absicht, drückte ich den Auslöser der Kamera – ein stiller Protest. Das Resultat war weit interessanter als das Bild, das ich seit längerer Zeit in meinen Gedanken hatte, und für das ich hierherkam.

Dreissig Minuten, nachdem die Sonne unterging.

Es waren die Bilder des The Underwater Project, die mich zu Mark Tipple führten. Sie begeisterten mich. Wirklich fasziniert, geradezu verführt, hat mich Mark Tipple jedoch durch seine beiden Serien Thirty Minutes und Shades of Morning. Sie fesselten mich ungeplant und direkt. Da wusste ich, dass ich mehr über diesen Künstler erfahren musste, dass man Mark Tipple nicht auf sein Unterwasserprojekt beschränken darf.

Ich versank in Gemälden, die mit gemalten Werken kokettieren. Man betrachtet sie, der Blick verschwimmt sanft in der Weite der Sehnsucht, die diese Bilder auslösen, und wir dürfen darin, ihre Unschärfe erlaubt uns das, unsere eigenen Gedanken formulieren. Meisterwerke.

GS: Deine Bilder der Serie Thirty Minutes entstanden durch Zufall – ist dies ein Phänomen, das Deiner Fotografie des Öfteren zugrunde liegt?

Mark Tipple: Ich bin nicht wahnsinnig kreativ. Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Freund über diverse Ideen, die er fotografisch umsetzen wollte. Er fragte mich, was ich davon halte. Ich antwortete ihm ohne Enthusiasmus und nicht sehr überzeugt: „Ich denke, das wird cool aussehen.“ Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie das Endresultat ausschauen wird. Als er jedoch dabei war, die Szenerie zu erschaffen und die Models instruierte, was sie zu tun hätten, begann für mich das Bild zu leben und ich konnte sogar noch mehr oder einfach ganz andere Dinge sehen als mein Freund – ich lese Szenerien, erkenne die verschiedenen Eigenschaften und Ausdrucksformen von Menschen und beobachte, wie sie sich in ihrer Umgebung verhalten. Daraus erhalte ich dann die Ideen zu meiner Art von Fotografie. Ich sage oft: „Ich kreiere nicht, ich erfasse.“ Dies ist mein Arbeitsstil, ob unter Wasser oder auch bei meinen anderen Arbeiten, bei denen ich Menschen beobachte, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren – da sehe ich dann plötzlich Dinge, die mich faszinieren, und diese versuche ich einzufangen. Bei der Entstehung der Serie Thirty Minutes hatte ich ursprünglich eine fixe Idee eines ganz anderen Bildes. Ich versuchte, dieses Bild einzufangen, doch es gefiel mir nicht, es führte mich aber zu etwas ganz anderem, etwas Neuem, das mich begeisterte.

GS: Eine weitere Serie beeindruckte mich: Shades of Morning. Entstand diese Serie angelehnt an die Erfahrungen, welche du mit Thirty Minutes gemacht hast? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen zwei Serien?

Mark Tipple: Technisch gesehen gibt es natürlich eine Verbindung. Ohne die Erfahrung die ich durch das Projekt Thirty Minutes gewonnen habe, wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, dass ich die Lebenskultur von Sydneys Stränden auf diese Weise derart wundervoll darstellen kann. Abgesehen vom technischen Aspekt habe ich ein grosses Interesse an den Zeiten nach dem Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Die Menschen kommen zusammen, um sich den Sonnenuntergang anzuschauen, und alsbald die Sonne verschwunden ist, kehren sie sich wieder anderen Dingen zu, oder sie geniessen gemeinsam den Sonnenaufgang, bevor sie den Tag beginnen – es scheint, als wäre die Sonne an sich und nicht das Licht und die Farben, die sie uns schenkt, das Wesentliche. Das Projekt Shades of Morning berührte mich persönlich, da aufgrund des Zusammenspiels eines meiner liebsten Objekte, der Sonne, mit einer weiteren grossen Leidenschaft, dem Ozean, etwas Neues entstand, das ich so noch nie gesehen habe.

GS: Es scheint, als drehe sich Dein ganzes Leben um den Ozean und die Strände – nie gelangweilt?

Mark Tipple: In den letzten sieben Monaten lebte ich in einem Wohnmobil, war immer mobil, unterwegs an die Orte, wo meine Arbeit mich hinbrachte. In den Zeiten, in denen ich nicht arbeitete, durfte ich meine Zeit am Meer verbringen – beides, mein Lebensstil und das Meer, unterliegt ständig Veränderungen, und ich fühlte mich dem Ozean noch nie näher als heute. Wie könnte ich da gelangweilt sein? Ich habe bisher kaum darüber nachgedacht, kann es kaum in Worte fassen, aber die letzten vier Jahre habe ich ein für meine Verhältnisse stabiles Leben in Sydney geführt, somit ist die jetzige Zeit für mich ziemlich unberechenbar und spontan. Daraus resultieren immer neue Ideen von möglichen Projekten, die ich umsetzen möchte, und ich will mich mehr auf die Gebiete konzentrieren, welche mich inspirieren. Darunter leidet natürlich der geldbringende Teil meiner Arbeit, aber wenn dass das einzige Hindernis ist, nun, damit kann ich gut eine Weile leben. Geldbringende Arbeit wird es immer geben – Leidenschaft vielleicht nicht.

Genug der Worte. Lassen wir die Bilder sprechen, sollen sie uns inspirieren und uns in unsere eigenen Träume versinken lassen.

In jeder Geschichte gab es ein Element mit dem ich nie zurecht gekommen bin: Schatten.

Es war mir eine Ehre, Sie mit in die Welt von Mark Tipple mitzunehmen. Es war jedoch nur ein Teil seiner Welt. Einen ganz anderen Aspekt seines Wirkens lernen wir in Mark Tipples sozialer Welt kennen.

Quelle Bilder: Mark Tipple
Quelle Textteile (kursiv): Daisy Dumas