Bio Camping Carretera Austral Coyhaigue 59

Text und Bild Martin Hoch
An einem Abend irgendwann im Februar dieses Jahres sind wir auf der Carretera Austral unterwegs. Die Carretera Austral ist die Strasse des Südens, die von Puerto Montt aus in Richtung Süden die Orte des chilenischen Patagoniens verbindet. Es ist eine Strecke von seltener Schönheit, überall kann man die wilde Natur in ihrer Ursprünglichkeit bestaunen. Es wird Abend, wir befinden uns zwischen Coyhaigue und dem Hafenstädtchen Puerto Aysen und suchen nach einer geeigneten Übernachtungsmöglichkeit. Schon bald erblicken wir am Strassenrand ein Holzschild mit der Beschriftung „Camping – Las Torres del Simpson“, das uns zum Verweilen einlädt.


Coyhaigue

Wir begegnen hier Gastfreundschaft, die man nur selten antrifft.

Wir benötigen lediglich eine Möglichkeit zur Übernachtung, doch wir treffen auf mehr, es übersteigt unsere Erwartungen – wir begegnen hier einer Gastfreundschaft, die man, wie eine wertvolle Perle, nur ganz selten antrifft.

Die Besitzer der Chacra (kleiner Bio Agrikulturbetrieb) und des dazugehörigen Campingplatzes sind der Spanier Nacho und seine chilenische Frau Sandra. Nacho, vor fast 15 Jahren selber als Reisender auf der Carretera Austral unterwegs, hat sich hier in Sandra und die Landschaft verliebt. Er blieb und ging erst nach 5 Jahren wieder für einen Besuch nach Spanien, seinem früheren Zuhause.

GS: Vor zwölf Jahren habt ihr mit dem Aufbau einer Chacra begonnen. Wieso eine Chacra, wie kam es dazu?

Nacho: Wir benötigten eine Lebensgrundlage. Bevor ich nach Chile gezogen bin, arbeitete ich in Spanien als Tontechniker für verschiedene Bands, eine Arbeit in diesem Bereich konnte ich hier nicht finden. Als erstes eröffneten wir in Coyhaigue, einer nahe gelegenen Stadt, ein Pub. Wir mussten das Lokal jedoch nach einem halben Jahr wieder schliessen, da wir es nicht gewinnbringend führen konnten.

Sandra: Nach der Pleite mit dem Pub mussten wir uns etwas Neues überlegen, wir hatten jedoch nur wenig finanzielle Mittel. Da ich bereits ein wenig Erfahrung mit Gartenarbeit und Pflanzen hatte, entstand die Idee eines kleinen Bauernhofes. Da wir uns mit unserem Ersparten jedoch nur noch ein kleines Stück Land kaufen konnten, entschieden wir uns für einen Bio Agrikulturbetrieb mit Gewächshäusern, da dies relativ wenig Land benötigt.

Es entstand die Idee eines kleinen Bauernhofes.

Wir lasen Bücher über die Bio Agrikultur und experimentierten viel.

GS: Ich gehe davon aus, dass die Bio Agrikultur ziemlich anspruchsvoll ist, da man zum Schutz der Pflanzen auf die Chemie verzichten muss. Hattet ihr zu Beginn viele Probleme?

Sandra: Tatsächlich war das bisschen Erfahrung, das ich mit Pflanzen hatte, auf nichtbiologischer Basis. Das erste Jahr war schwierig, wir arbeiteten hart, konnten jedoch kaum etwas ernten.

Nacho: Wir begannen Bücher über die Bio Agrikultur zu lesen und experimentierten viel. Der Erfolg blieb nicht aus und wir konnten bereits in unserem zweiten Jahr eine schöne Ernte einfahren. Ausschlaggebend war die Umstellung von natürlicher Erde auf ein Gemisch aus Humus und Kompost. Wir realisierten, dass die Erde im ersten Jahr mitunter viel zu wenig Luft hatte.

Nacho und Sandra führen uns durch ihre Chacra. In den Gewächshäusern erklären sie uns mit viel Leidenschaft detailliert ihre biologische Anbauweise, das „System Nacho“, wie sie es mit einem Lächeln auf dem Gesicht nennen. Nacho, eine aufgestellte Frohnatur, wird beim Thema biologische Agrikultur ungewohnt ernst, wir spüren den Stolz, den er auf ihre Arbeit hat und, dass ihm die biologische Agrikultur sehr am Herzen liegt.

GS: Heute nach 12 Jahren besitzt ihr eine gut funktionierende Chacra. Wieso baut ihr den Betrieb nicht aus und beginnt mit dem Export in grössere, weiter entfernte Städte?

Sandra: Dies würde dem Grundgedanken der Bio Agrikultur widersprechen. Nicht nur die Anbauweise soll der Natur gerecht werden, sondern auch der Vertrieb. Das Gemüse soll lokal angebaut werden und in derselben Gegend verkauft werden. Dadurch wird vom Betrieb bis zum Kunden nur wenig Sprit verbraucht und der Umwelt somit nur einen minimalen Schaden zugefügt.

Nacho: Die Bio Agrikultur ist für uns inzwischen auch eine Herzensangelegenheit. Wir können zu 100 Prozent hinter unserem Produkt stehen und dies soll so bleiben. Jedem, der bei uns vorbeikommt, erklären wir unsere Anbauweise und hoffen so, dass sich der Gedanke der Bio Agrikultur immer mehr verbreitet.

GS: Wer sind eure Kunden und wieviel Gemüse verkauft ihr pro Jahr?

Nacho: Wir liefern an Restaurants, Privatpersonen und kleine Gemüseläden. An die grösseren Supermärkte liefern wir bewusst nicht, da wir den übermässigen Umgang mit Plastiktüten nicht gutheissen.

Sandra: Pro Jahr verkaufen wir in etwa 10’000 Salate, 8’000 Bund Rucola, 3’000 Bund Koriander und 1’500 Mangold.

An einem Tag fahren wir zusammen mit Nacho nach Puerto Aysen, dem nächstgelegenen Städtchen. Zusammen möchten wir Fleisch für eine gemeinsame Grillade kaufen. Zuerst liefern wir noch Salate bei einem kleinen Gemüseladen ab. Der Kontakt, den Nacho mit seinen Kunden hat, ist sehr persönlich, man spürt, dass ihm seine langjährigen Kunden wichtig sind. Er spricht mit ihnen, macht ein Witzchen und versprüht wie überall seine gute Laune – die wahrlich ansteckend ist. Bevor wir dazu kommen das Fleisch für die Grillade zu kaufen, kauft er spontan acht Kilo frische Meeresmuscheln. Wir erleben einen Gourmet Tag, frische Muscheln in einem Weissweinsud zum Mittagessen und eine Grillade mit bestem Rindsfleisch zum Abendessen. Der Abend ist lang, Nacho und Sandra spielen Gitarre, es wird gesungen, irgendwann gesellen sich noch andere Chilenen dazu und der einheimische Wein wir in den Himmel gelobt.

An die grösseren Supermärkte liefern wir bewusst nicht.

Ein Zuhause am anderen Ende der Welt.

GS: Dieses Jahr habt ihr nun auch noch mit dem Betrieb eines kleinen, familiären Campingplatzes begonnen. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Nacho: Unser Land liegt wunderschön, direkt neben dem Rio Simpson, einem kleinen Fluss, der sich zum Angeln anbietet und es ist ein idealer Ort für die Agrikultur. Da wir hier jedoch ziemlich abgelegen wohnen, hatten wir bis anhin keinen Zugang zum Internet, weder einen Telefonanschluss noch eine richtige Wasserleitung. Da die Regierung den Tourismus in unserer Gegend unterstützen möchte, haben sie uns den Zugang zum Internet sowie eine Telefonleitung und eine grössere Wasserleitung versprochen, unter der Bedingung, dass wir unsere Türen für den Tourismus öffnen. Ebenfalls ist der Campingplatz für uns ein gutes zweites Standbein neben der Agrikultur.

Sandra: Und wir mögen den Kontakt mit all den Leuten sehr! Auch für unsere Tochter ist der Kontakt mit den Reisenden sehr bereichernd. Ausserdem hat der Betrieb der Chacra und des Campingplatzes die gleiche Saison, somit bleibt uns im Winter weiterhin Zeit zum Reisen.

GS: Wir verbrachten nun einige Tage bei euch. Wir empfanden den Campingplatz als äusserst persönlich. Den Kontakt, den ihr mit den Besuchern pflegt, geht bei weitem über den eines gewöhnlichen Campingplatzes hinaus. Ist dies Teil eures Konzepts?

Sandra & Nacho: (gleichzeitig) Si!

Gelächter.

Sandra: Es ist uns wichtig, dass sich die Leute bei uns zu Hause fühlen. Es soll sich hier für jeden, auch wenn es am anderen Ende der Welt ist, wie ein Zuhause anfühlen.

Nacho: Drei Dinge bieten wir jedem Besucher an:

1. Ein gemeinsames Zusammensitzen mit Mate trinken – das ist interkultureller Austausch pur.

2. Wir erklären jedem Besucher die Gegend und was es hier zu sehen und zu erleben gibt.

3. Eine geführte Tour durch unseren Bio Agrikulturbetrieb.

Und abends, wenn möglich, natürlich jede Menge Grilladen mit Gitarre spielen und Gesang.

Tatsächlich verging kein Tag, an dem wir nicht mit den Beiden Mate getrunken haben. Kein Tag, an dem sie uns nicht zum Essen eingeladen haben. Wir haben viel zusammen diskutiert, gelacht und durften die freigiebige Wärme der beiden spüren. Ausserdem haben sie uns mit wertvollen Tipps für die Weiterreise versorgt, uns von versteckten Oasen erzählt, abseits des Tourismus, das wohl wertvollste Gut für Reisende.

GS: Ihr habt uns erzählt, dass ihr selber auch gerne unterwegs seid. Wenn Ende Sommer die Touristensaison vorbei und die letzte Ernte eingefahren ist, wohin wird euch eure nächste Reise führen?

Nacho: Wir wollen uns weiter nördlich in Chile ein neues Auto kaufen. Mit diesem wollen wir dann die Gegend südlich von Santiago de Chile bereisen und eventuell noch einen Abstecher nach Argentinien machen.

Sandra: Eigentlich ist die Route noch ziemlich offen, Hauptsache wir werden im Frühjahr wieder zu Hause sein.

GS: Wohin würdet ihr gerne reisen, gäbe es keine zeitlichen und finanziellen Grenzen?

Nacho: Nach Australien. Dort gibt es auch eine unendliche Natur und wenig Menschen. Ausserdem würde ich gerne die Unterwasserwelt entdecken – Tauchen ist eine grosse Leidenschaft.

Sandra: Ich würde gerne Frankreich bereisen und all die historischen Städte besuchen.

GS: Und abgesehen vom Reisen, habt ihr sonst noch irgendwelche grossen Träume?

Nacho: Ich würde gerne noch besser lernen Gitarre zu spielen und dann ein Konzert in einem richtigen Konzertsaal vor einem grösseren Publikum geben.

Sandra: Nein – eigentlich ist das Reisen, noch mehr von der Welt sehen, mein grösster und einziger Wunsch.

Am Tag vor unserer Weiterreise, nach sieben wundervollen Tagen, helfen wir Sandra und Nacho ihre elf Schafe von einer Nachbarsweide auf ihr Grundstück zu bringen. Am Nachmittag beobachten wir Nacho, wie er gekonnt mit einem Lasso, eines der Schafe einfängt. Ein Nachbar kommt vorbei, schlachtet das Lamm und am Abend haben wir die Ehre zusammen mit ihnen das zarte Lammfleisch bei einer letzten Grillade zu verzehren. Bei der Abreise liegen wir uns in den Armen, es fühlte sich tatsächlich so an, als würde man sein Zuhause verlassen und zu einer grossen Reise aufbrechen.

Bei der Abreise liegen wir uns in den Armen.

Es ist uns wichtig, dass sich die Leute bei uns zu Hause fühlen.

GS: Ihr Beide strahlt eine unglaubliche Zufriedenheit aus – ihr scheint ehrlich glückliche Menschen zu sein. Woher kommt das?

Nacho: Wir sind unser eigener Chef und dürfen jeden Tag zusammen verbringen. Wir haben hier gute Luft zum Atmen, frisches sauberes Wasser zum Trinken und eine atemberaubend schöne Landschaft um uns herum – mehr braucht es nicht zum glücklich sein.

Sandra: Wir leben das Leben, das wir wollen.

GS: Vielen Dank für das Gespräch.