Rhein-Wanderung-Slideshow

Text Martin Hoch, Bild Harry
Wir berichteten auf GlobeSession über Tom Allen, der mit seinem Fahrrad 4 Jahre auf Reisen war (Janapar – Love on a Bike), über Regula und Jan, die Südamerika mit ihrem VW Bus erkundeten (Interview Regula und Jan), erzählten euch von den osteuropäischen Abenteurern, die mit ihren Trabants durch Südamerika fuhren (2 Trabants, 1 Fiat Maluch und 1 Jawa – 20‘000 Kilometer durch Südamerika) und über Thierry Wilhelm, der mit seinem Motorrad die Welt bereist (Thierry Wilhelm: The Worldbiker). Doch um ein Abenteuer zu erleben, muss man nicht zwingend in die Ferne reisen, einzig den Schritt aus dem Alltag gilt es zu meistern.

Und genau dies taten Claudia und Harry und sie benötigten für ihre Reise weder ein Fahrrad noch ein Motorrad oder sonst ein Fahrzeug, sondern nur ihre Füsse. Ihre Wanderschaft führte sie 1’000 Kilometer dem Rhein entlang, von Amsterdam an den Greifensee. Insgesamt waren sie 82 Tage unterwegs, gewandert sind sie an 57 Tagen und an 25 Tagen genossen sie ihre Ruhetage.

Um ein Abenteuer zu erleben, muss man nicht zwingend in die Ferne reisen …

Im Nachhinein müssten wir die Wanderung als „kulinarische Genusswanderung“ bezeichnen.

GS: Auf eurer Webseite bezeichnet ihr euch humorvoll als: „Gelegenheitswanderer mit Bauchansatz“ – nach den 82 Tagen in denen ihr zu Fuss 1’000 Kilometer zurückgelegt habt, war der Bauchansatz wahrscheinlich weg. Wie hat sich eure Fitness in dieser Zeit entwickelt?

Harry: Im Nachhinein müssten wir die Wanderung als „kulinarische Genusswanderung“ bezeichnen, da wir wohl einiges zu viel geschlemmt haben. Claudia nahm vier Kilo zu und ich wog nach der Wanderung zwei Kilo mehr. Zwar waren wir viel zu Fuss unterwegs, aber für die Bewältigung von nur 450 Höhenmetern benötigten wir auch 1’069 Kilometer und 82 Tage! Im Vergleich zu dem, was wir gegessen haben, reichte dies nicht, um abzunehmen.

Dennoch konnten wir eine Steigerung unserer Fitness feststellen. Zu Beginn der Wanderung kamen uns 20 Kilometer länger vor als am Ende der Wanderung. Diese Fitness blieb uns auch bis zum heutigen Tag erhalten. Wir sind zwar beide nach wie vor nicht sonderlich sportlich, zu Fuss sind wir aber gut und viel unterwegs.

GS: Wie viele Blasen hattet ihr an den Füssen?

Harry: Unglaublich aber wahr: Keine! Wir hatten beide vereinzelt Druckstellen an den Füssen, die sich aber durch Hansaplast und Compeed Pflaster kaum bemerkbar machten. Lustigerweise hatten wir jedoch vor dieser Wanderung sowie nach dieser Wanderung immer wieder Blasen.

GS: Wie ist die Idee zu dieser Marathon-Wanderung entstanden? Wieso genau diese Strecke?

Harry: Unser erster Gedanke war, den Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port aus zu wandern. Wir bestellten einige Bücher und DVDs zum Jakobsweg. Doch je mehr wir uns mit dem legendären Jakobsweg befassten, umso weniger reizte er uns. Wir hatten das Gefühl, dass alle diesen Weg gehen. Zudem wollten wir weder zu uns selber finden, noch war uns danach unzählige andere Menschen anzutreffen, die dasselbe tun. Ein „Ego Trip“ war uns viel sympathischer.

Ich kam dann auf den Gedanken, von Amsterdam nach Hause zu wandern, möglichst viel dem Rhein entlang. Claudia war davon genauso begeistert und so war die Idee geboren, „unseren“ Weg zu wandern. 1’000 Kilometer gegen den Strom, das wurde unser Motto. Gegen den Strom, da wir effektiv gegen den Rheinstrom wanderten, aber auch symbolisch dafür, dass wir unsere Wanderung machen.

Der Gedanke, dem Rhein entlang zu wandern, schien uns realistisch. Es gibt einen Radweg von Basel bis Rotterdam, so dürfte es auch möglich sein, dem Rhein entlang zu wandern. Sprachlich gesehen konnten wir uns sicher sein, dass wir uns verständigen können. Da wir früher bereits einmal bei der Ursprungsquelle des Rheins gewesen sind, sowie eine Flusskreuzfahrt von Basel nach Amsterdam und zurück gemacht hatten, war uns der Rhein auch deshalb sympathisch.

1’000 Kilometer gegen den Strom, das wurde unser Motto.

Wir benötigten ein Shirt zum Tragen und eines zum Wechseln. Mein Rucksack inkl. Gepäck für drei Monate wog knapp sechs Kilogramm.

GS: Von der Idee zur Umsetzung dieses Projekts gab es sicherlich einiges zu organisieren – wie habt ihr das mit euren Arbeitgebern, der Wohnung zu Hause und vielerlei anderen Dingen arrangiert?

Harry: Die Idee zur Wanderung entstand bereits drei Jahre vor dem eigentlichen Start, somit blieb uns genug Zeit, alles Organisatorische zu regeln. Wir beide wechselten ca. ein Jahr vor unserer Wanderung die Arbeitsstelle. Von unseren neuen Arbeitgebern bekamen wir schriftlich die Bestätigung, drei Monate unbezahlten Urlaub nehmen zu können. Wir regelten dies bereits im Vorstellungsgespräch; beide Arbeitgeber waren damit einverstanden.

Unsere Wohnung blieb während unserer Wanderung unbewohnt. Mein Vater kam ab und zu vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Die Wohnung für drei Monate weitervermieten wollten wir nicht, da wir nicht wussten, ob wir die Wanderung bewältigen würden oder nicht. So hatten wir die Sicherheit, jederzeit die Wanderung abbrechen zu können.

GS: Wieviele T-Shirts nimmt man mit und wo kriegt man die Wäsche gereinigt?

Harry: So wenig wie nötig! Wir benötigten ein Shirt zum Tragen und eines zum Wechseln. Mein Rucksack inkl. Gepäck für drei Monate wog knapp sechs Kilogramm. Immer dabei war Reinigungsmittel für die Handwäsche. Wir gewöhnten uns sehr schnell daran, Abends unsere Wäsche im Lavabo zu waschen. Gleichzeitig war es ein Highlight, als wir zwei mal unsere Wäsche in einem Waschcenter waschen konnten.

Ausserdem war ich sehr überrascht über meine Merino Shirts von Icebreaker. Gemäss Werbung riechen diese nicht so schnell. Tatsächlich blieb dies nicht nur Theorie, diese Shirts hielten was sie versprechen und es dauerte überdurchschnittlich lange, bis diese Shirts unangenehm „müffelten“.

Anzumerken ist, dass wir ca. zur Halbzeit der Wanderung die Möglichkeit hatten frische Shirts, Kleider und Schuhe abzuholen. Ich habe Verwandte in Deutschland, bei denen wir bereits vor der Wanderung ein Paket mit frischer Wäsche und neuen Schuhen unterbringen liessen.

GS: Wo habt ihr jeweils übernachtet – Zelt oder Hotels? Habt ihr die Route inklusive Übernachtungsmöglichkeiten im Voraus komplett durchorganisiert?

Harry: Wir entschieden uns für die Luxus-Variante und übernachteten in Hotels, vereinzelt in B&Bs. Vorab klärte ich mit Hilfe von Google Maps ab, ob auf der gesamten Strecke mindestens alle 20 Kilometer eine Übernachtungsmöglichkeit besteht. Dies war entweder auf der einen oder der anderen Rheinseite möglich. Ich machte in aufwändiger Arbeit in Excel einen Etappenplan und „lief“ die Strecke von Amsterdam bis nach Hause mittels Google Maps und Google Earth ab.

Komplett geplant haben wir die Etappen in Holland. Die Hotels buchten wir von zu Hause aus. In Deutschland buchten wir unsere Hotels nach Möglichkeit zwei Tage im Voraus und planten unsere Etappen je nach freiem Hotel. Zu Hilfe kam uns die App von Booking.com, mit der wir die meisten Übernachtungsmöglichkeiten buchten. Die App vereinfachte uns das Buchen sehr, da immer gleich zu sehen war, welche Hotels in der Nähe freie Zimmer hatten. Zudem machte es mir Spass, am Abend per Smartphone die nächsten Etappen zu planen.

GS: Wenn man 82 Tage unterwegs ist, hat man viel Zeit sich Gedanken zu machen – zu viel Zeit?

Harry: Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, es hätte durchaus noch ein paar Tage länger dauern können! Wir beide genossen das Leben in der Gegenwart intensiv. Es gab unglaublich viele Eindrücke, diese zu verarbeiten, liess es nicht zu, sich zu viele Gedanken zu machen.

GS: Was geht einem denn in all den Stunden durch den Kopf und konntest du von dieser Zeit ausserhalb des Alltags etwas für dein zukünftiges Leben mitnehmen?

Harry: Eigentlich waren wir 82 Tage am Geniessen. Durch den Kopf gingen uns vor allem die vielen Eindrücke vor Ort, für andere Gedanken war kaum Platz. Keine Zeit fürs Grübeln über die Alltagssorgen, nur Zeit zum Geniessen – was die Wanderung auch besonders schön machte. So stark in der Gegenwart zu leben, das kannte ich vorher nicht und dies werde ich sicherlich für die Zukunft mitnehmen.

Mitgenommen habe ich auch die Erkenntnis, dass das Schöne vor der Haustüre liegt. Die letzte Etappe war genauso schön wie die erste Etappe oder die Etappen dazwischen. Um das Schöne der Natur zu sehen, muss man jedoch schon rausgehen, eine TV Doku alleine reicht dazu nicht.

GS: Harry, nimm uns mit auf eure Wanderung. Beschreib uns die Landschaften und erzähl uns von den schönsten, berührendsten und anstrengendsten Momenten.

Harry: Am 1. August 2012 sind wir morgens in Amsterdam losgelaufen. Nach ca. fünf Kilometer wandern, erreichten wir den Rheinkanal. Von da an wanderten wir über 900 Kilometer dem Rhein entlang, bis zum Kraftwerk Eglisau, wo wir rechts abbiegen mussten, um der Glatt entlang bis zum Greifensee, unserem Zuhause, zu wandern.

In den 82 Tagen haben wir unglaublich viel Schönes gesehen. Wir hatten nur einen komplett verregneten Tag und zwei Halbtage an denen sich der Himmel über uns ergoss. Ansonsten schien entweder die Sonne, war es trocken oder es regnete nur für ein paar Minuten. Wir wanderten sozusagen mit dem guten Wetter. Dies ermöglichte es uns umso mehr, die Zeit zu geniessen.

In Holland staunten wir über die unzähligen Radfahrer. Sogar die Kühe blickten uns ungläubig an, wahrscheinlich haben sie noch nie Menschen zu Fuss gesehen.

An der Deutschen Grenze bestaunten wir den mehrere hundert Meter breiten Rhein. Am sogenannten schönsten Rheinabschnitt, dem romantischen Rhein zwischen Koblenz und Bingen, wo auch der Loreley-Felsen ist, gefiel es uns zwar auch, jedoch fühlten wir uns zu sehr eingeengt. Zudem war es mit dem vielen Auto- und Bahnverkehr sehr laut. Umso faszinierender war es, als wir danach, an uns völlig unbekannten Orten, von der Schönheit der Natur überrascht wurden.

Richtig baff waren wir am Altrhein. Das ist Natur pur! Diese Region gefiel uns mit Abstand am besten. Hier waren kaum Touristen zu sehen. Da es mit dem Fahrrad nicht möglich ist, dort durchzukommen, wanderten wir mehr oder weniger alleine dem Altrhein entlang. Wir sahen Tiere, die sich sonst eher selten blicken lassen, unter anderem Rehe und Eisvögel. Die Auenwälder beeindruckten und wir genossen die Ruhe des, zum Teil noch unberührten, Altrhein – einfach herrlich!

Das Schönste war, einfach draussen zu sein, zu wandern, zu geniessen und viel Zeit zu haben.

Drei Etappen bewältigten wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Einmal war ich gesundheitlich angeschlagen und zweimal wollten die Beine von Claudia keinen Meter mehr weiter wandern. Da waren wir froh, dass wir nicht sportlich ambitioniert unterwegs waren und somit auf unseren Körper mehr hören konnten als auf den Ehrgeiz, alles zu Fuss bewältigen zu müssen. Danach konnten wir die Wanderung jeweils umso mehr geniessen.

Um das Schöne der Natur zu sehen, muss man jedoch schon rausgehen, eine TV Doku alleine reicht dazu nicht.

Als wir am Greifensee standen, da waren wir beide sehr stolz, dass wir das geschafft haben. Wir waren einfach glücklich und zufrieden.

GS: Ihr habt unterwegs bestimmt viele Menschen getroffen – wie reagierten diese auf eure Wanderung durch halb Europa?

Harry: Die Menschen, die wir trafen, waren sehr offen. Viele Male wurden wir unterwegs oder im Hotel angesprochen und danach gefragt, was wir denn machen. Einige waren beeindruckt, andere gaben uns Tipps, erklärten uns, wo die Wanderwege noch schöner sind usw. Immer wieder erstaunte uns die Freundlichkeit und Gutmütigkeit der Menschen, denen wir begegneten.

GS: Nach 82 Tagen und 1’000 gegangenen Kilometern habt ihr euer Zuhause erreicht. Was war das für ein Moment?

Harry: Als wir am Greifensee standen, da waren wir beide sehr stolz, dass wir das geschafft haben. Auch waren wir voller Freude über das Erlebte und, dass so vieles so gut geklappt hatte. Wir waren einfach glücklich und zufrieden.

Wir freuten uns aber auch, endlich wieder in unserem eigenen Bett zu schlafen und unsere eigene Wohnung zu behausen. Aber auch ganz besonders, unser gewohntes und selbstgekochtes Essen zu essen. Fast drei Monate auswärts zu Essen macht irgendwann keinen Spass mehr. Zuhause schmeckt es eben doch am besten.

GS: Plant ihr bereits eine weitere Wanderschaft?

Harry: Eine Idee hätten wir, aber geplant ist noch nichts. Da auch wir nicht jünger werden, würden wir bei einer weiteren dreimonatigen Wanderung insgesamt weniger Kilometer zurücklegen und somit noch mehr Zeit fürs Geniessen haben. Natürlich auf die Gefahr hin, dann noch mehr Kilos zuzunehmen.

GS: Nebst deinem Beruf als Betreuer in einem Heim für Menschen mit Behinderung fotografierst du leidenschaftlich gerne. Du bist dafür verantwortlich, dass der Greifensee zum wohl fotografisch bestdokumentierten See der Schweiz avancierte – erzähl uns mehr über dein Projekt Greifensee.

Harry: Der Greifensee ist einfach würdig, fotografiert zu werden.

Vor der Wanderung war der Greifensee unser Trainings-See. Einmal um den See zu wandern, sind ca. achtzehn Kilometer, was ungefähr einer Tagesetappe entspricht.

Auch kommen am Greifensee immer wieder schöne Erinnerungen an die Wanderung. Das Greifenseewasser fliesst in die Glatt, die Glatt in den Rhein und von dort geht’s weiter nach Amsterdam.

Ich bin sehr gerne am Greifensee. Wann immer möglich wandere ich um den See, knipse Fotos mit meinem Smartphone und stelle diese ins Internet. Dank der Webseite und der Facebook Seite haben auch andere Menschen die Möglichkeit, sich an den Greifensee Fotos zu erfreuen.

GS: Vielen Dank für das Gespräch.

Der Greifensee ist einfach würdig, fotografiert zu werden.