Marcelo-Mammana_slideshow

Text Martin Hoch, Bild Marcelo Mammana
Wir befinden uns in Patagonien, fahren durch den Südosten Argentiniens, geradeaus in Richtung Süden, auf der Ruta 3. Der Wind bläst stark, unablässig, darin besteht seine Routine hier, es ist sozusagen seine tägliche Aufgabe oder, wie ich manchmal denke, sein Zeitvertrieb: hier im Nichts, wo es sonst nichts zu tun gibt, um mich zu nerven. Ich halte das Steuerrad fest, darf es keine Sekunde loslassen. Der linke vordere Reifen ist bereits komplett ungleichmässig abgefahren, der ganze Druck des Fahrzeugs lastet täglich auf ihm – der Wind scheint immer von Westen her zu kommen.

Draussen ist es angenehm warm, wir geniessen es, denn abends wird es wieder kalt sein. Die Gegend hier ist rau, die Winde stark, die Nächte kalt und der Sommer ist kurz. Doch wir sind unterwegs, das ist alles, was zählt. Ich denke mir, bei wem die Freiheit zu Gast ist, besitzen kann man sie ja nie, dem fehlt es an nichts. Dabei muss ich lächeln, ich weiss, so ganz stimmt das natürlich nicht. Es gibt immer Dinge, die man vermisst. Im Moment vermisse ich Farben, kein Wunder in dieser wüstenähnlichen Landschaft, und asiatische Nudeln, wieso weiss ich nicht. Vielleicht weil es mal eine Abwechslung wäre – zu den argentinischen Steaks. Ich vermisse die Berge, aber das ist in Ordnung, die werden wir schon in ein paar Tagen wieder zu Gesicht bekommen. Am meisten aber vermisse ich das Tauchen. Vielleicht vermisse ich es, weil mir die Farben fehlen. Doch wenn ich an Unterwasserwelten, ihre Bewohner und das schwerelose Gefühl beim Hindurchtauchen denke, ja davon träume, assoziiere ich all dies in Gedanken mit tropischen Gebieten. Komplett falsch. Es ist genau hier möglich, doch das werde ich erst viel später realisieren, Monate später, zu Hause am Computer, nachdem ich die Unterwasserfotografien von Marcelo Mammana betrachten konnte.

Marcelo Mammana, der in Buenos Aires lebende Künstler und Fotograf, taucht in Gegenden, in denen bereits an Land ein garstiges Klima herrscht. Er hält mit seiner Unterwasserkamera die Eiswelten der Antarktis fest, die klirrende Kälte ausstrahlen und in ihrer typischen Farbe Blau gezeichnet sind. Ebenfalls begeistern seine Unterwasseraufnahmen aus Patagonien. Sie zeigen uns mystische Lichtspiele, kunterbunte Nacktschnecken und leuchtende Weichkorallen. Wunderwelten der Natur, die wohl nur die wenigsten jemals mit eigenen Augen erblicken werden.

Neugier ist meine Motivation.

Jubany 2009-2010

Meine Atmung wurde immer schneller. Ich wusste genau, was dies bedeutete.

GS: Bei Deinen Tauchgängen unter dem Eis bist Du geradezu eingeschlossen von Eismassen, wie in einem Gefängnis – ergreift Dich nicht manchmal die Angst, den Ausgang an die Oberfläche nicht mehr zu finden?

Marcelo Mammana: Eigentlich kenne ich diese Angst beim Eistauchen nicht. Meistens bin ich ziemlich konzentriert, fotografiere oder bin mit der Kamera am Filmen. Ich wollte Eistauchen, seit ich 12 Jahre alt bin; ich bin einfach nur glücklich, da unten zu sein. Ausser einmal, wir unternahmen einen Testtauchgang in einer Lagune, da war ich an der Grenze zur Panik, ich entschloss mich, den Tauchgang abzubrechen. Es war erst meiner zweiter Tauchgang unter Eis. In der Lagune war das Wasser grün und wir hatten kaum Sicht. Wir planten einen ziemlich einfachen Testtauchgang: Das Ziel war, vom Haupteintauchsloch zu einem zehn Meter entfernten Sicherheitsloch zu tauchen. Es sollte eine einfache und kurze Übung sein. Wir hatten Sicherheitsleinen umgebunden und mein Tauchpartner hatte einen Kompass. Ich hatte meine Kamera nicht dabei, war nicht abgelenkt, und dann begannen sich die Dinge zu verkomplizieren. Kleine Dinge, die man eigentlich lösen kann. Meine Atmung wurde immer schneller. Ich wusste genau, was dies bedeutete. Nach zwanzig Minuten unter Wasser, ohne das Sicherheitsloch zu finden, schluckte ich meinen Stolz hinunter und bat darum, die Übung zu beenden. Das war das erste und einzige Mal unter Wasser, dass ich mein Wohlbefinden verloren habe. Wenn sich beim Tauchen kleine Probleme addieren, kann jedes weitere, noch so kleine Problem zu einem Unfall führen. Eigentlich wie in einer Ehe, bei der Arbeit … generell im Leben, nicht wahr? Wenn ich unter Wasser die Kontrolle verliere und Panik ausbricht, kann das schnell zum Tod führen. Deshalb habe ich den Tauchgang abgebrochen, bevor sich zu viele Probleme hätten addieren können. Es war eine weise Entscheidung und ich bin froh, dass ich im richtigen Moment vernünftig gehandelt habe. Bei guter Sicht, wie dies beim Eistauchen normalerweise der Fall ist, ist es eine andere Situation. Wir hätten das Sicherheitsloch wahrscheinlich bereits beim Einsteigen sehen können. Unter Wasser kann man aber auch viel Spass haben. Dies zeigt der Unterwasserkurzfilm, den wir beim Eistauchen drehten. Obwohl wir nicht das beste Script hatten und alles Laienschauspieler waren, der Spass stand im Vordergrund, gewannen wir den zweiten Preis beim Antarctic Film Festival.

GS: Trotzdem, Eistauchen birgt sicherlich einige Risiken. Ich gehe davon aus, dass Ihr vor und während der Tauchgänge unzählige Sicherheitsvorschriften beachten müsst. Erzähl uns, was bei der Planung eines Eistauchgangs entscheidend ist.

Marcelo Mammana: Wie bei jeder Risikosportart ist es grundsätzlich das Wichtigste, dass du dich bei dem, was du tust, wohlfühlst. Als ich das erste Mal in der Antarktis war, ging ich allein tauchen, da es bei der San Martin Station keine Tauchinfrastruktur gab. Ich ging jeweils am Rande des Eises ins Wasser, aber nie unter das Eis. Ich genoss es ganz einfach, die Wände und Eisberge zu betrachten. Ich setzte mir auch immer ein Zeit- und Tiefenlimit, war äusserst vorsichtig. Später, bei der Jubany Station, wo Tauchen eine der Hauptaktivitäten der Forscher ist, tauchte ich in einer Gruppe. Es waren alles Armeetaucher und sie tauchten immer gesichert. Ich hasste es, aber erklärte mich einverstanden, der Sicherheit wegen. Beim Tauchen ist eine gute Planung entscheidend. Wir planten unsere Aktivitäten, die Tiefe und wie lange wir unter Wasser sein werden. Wir benutzten spezielle Tauchrechner für kaltes Wasser. Wir unterhielten uns über die Tauchgänge und die Zeichen, die wir unter Wasser, zur gegenseitigen Verständigung gebrauchten. Wir wurden jeweils von einem Rettungstaucher begleitet, und an der Oberfläche hatten wir einen zusätzlichen Assistenten für den Ein- und Ausstieg. Unsere Tauchausrüstung prüfen wir vor den Tauchgängen jeweils doppelt. Über dem Eisloch haben wir ein Zelt, um uns warmzuhalten. Ausserhalb des Wassers atmen wir bewusst noch nicht durch das Atemgerät, um der Wasserkondensation (durch Ausatmen) vorzubeugen. Dieses kondensierte Wasser könnte unter Wasser, durch das noch kältere Meerwasser, gefrieren und dadurch die Atmung durch das Atemgerät verhindern, oder auch beim Atemgerät zu einer Fehlfunktion, dem sogenannten Freeflow (stetige, nicht zu stoppende Luftzufuhr aus dem Atemgerät) führen. Beides sind sehr gefährliche Situationen. Nach jedem Tauchgang reinigen wir die Ausrüstung äusserst gründlich mit Süsswasser und lassen sie komplett austrocknen. Wir halten uns peinlichst genau an die nötigen Regeln und hatten dadurch bis jetzt, in über 100 Eistauchgängen, noch keine Unfälle.

GS: Ist Eistauchen in der Antarktis oder auch das Tauchen im kalten Patagonien nur etwas für professionelle Taucher? Oder gibt es auch solche Tauchangebote für Touristen?

Marcelo Mammana: Ich würde nicht behaupten, dass solche Tauchgänge nur etwas für professionelle Taucher sind. Aber man muss sicherlich ein sehr guter und erfahrener Taucher sein. Man sollte sich unter Wasser wohlfühlen, vernünftig sein, die Grenzen kennen und auch in schwierigen Situationen befähigt sein, Probleme unter Wasser zu lösen. Die Kälte setzt die Grenzen. Die Wassertemperatur in Patagonien, auf der Halbinsel Valdés, beträgt in etwa 10 Grad, in Feuerland 2 Grad und in der Antarktis um die 2 Grad bis -2 Grad. Auf der Halbinsel Valdés ist es wohl noch möglich, mit einem 5-7 mm Nasstauchanzug zu tauchen, aber für Feuerland und die Antarktis ist ein Trockentauchanzug zwingend. Das Tauchen mit einem Trockentauchanzug muss gelernt sein. Ebenfalls muss man die Hände mit Handschuhen vor der Kälte schützen. Doch umso mehr Kälteschutz man trägt, umso umständlicher wird die Handhabung der Ausrüstung. Damit muss man zurechtkommen. Das ist der Hauptunterschied zum Tauchen in warmen Gewässern. In Patagonien gibt es unzählige Tauchanbieter. Für gewisse Gegenden braucht es jedoch auch spezielle Bewilligungen. In der Antarktis wiederum gibt es keine Tauchanbieter. Auf den Stationen in der Antarktis gibt es die unterschiedlichsten Regeln, wer tauchen darf und wie das Prozedere genau ausschaut. Es gibt auch Schiffsreisen, die Tauchgänge in der Antarktis anbieten, jedoch nicht im Winter.

Wir halten uns peinlichst genau an die nötigen Regeln und hatten dadurch bis jetzt, in über 100 Eistauchgängen, noch keine Unfälle.

Gerne gebe ich mein kleines Salzkorn dazu, um eine bessere Welt zu erschaffen.

GS: Welche Bedeutung hat die Unterwasserwelt für Dich – was fühlst Du, wenn Du da unten bist?

Marcelo Mammana: Schwierig zu beschreiben – auf jeden Fall spüre ich einen geistigen Frieden, wenn ich unter Wasser bin. Ich vergesse meine Probleme. Ich geniesse diese Welt und bestaune sie, speziell nach den ersten Tauchgängen einer Reise, nachdem ich die Gegend kennen gelernt habe, meine Memory Cards der Kameras voll sind und der Druck, das richtige Foto zu schiessen, wegfällt. Ich liebe es, allein zu tauchen, und ich liebe es, nachts unter Wasser zu sein. Diese ruhigen und dunklen Plätze geben mir irgendwie einen inneren Frieden (Psychologen würden wahrscheinlich einen Zusammenhang zur Gebärmutter konstruieren). Es ist weder mystisch noch spirituell, ich fühle mich einfach entspannt, glücklich und in Frieden mit mir selbst. Ich könnte unter Wasser leben.

GS: Wieso hast Du mit Unterwasserfotografie angefangen? Was willst Du uns mit Deiner Fotografie vermitteln?

Marcelo Mammana: Ich habe mir das Fotografieren selber beigebracht und ich habe es zuerst unter Wasser gelernt. Meine Landschaftsfotografien schoss ich erst später, nachdem die Magazine bei mir angefragt hatten, zu den Unterwasserfotografien auch noch Landschaftsfotografien zu liefern. Fotografie ist eine Möglichkeit, um unsere Erinnerungen aufzubewahren und um anderen Menschen die Welt so zu zeigen, wie man sie selbst sieht; insbesondere Welten, die nicht für jeden erreichbar sind. Ich habe keine spezielle Nachricht, ich möchte einfach die Schönheit, die ich sehe, teilen. Trotzdem glaube ich daran, dass die Menschen die Dinge, die sie kennen, für schützenswerter halten. Wenn nun also meine Bilder zum Schutz der Meere beitragen, macht mich das mehr als glücklich. Gerne gebe ich mein kleines Salzkorn dazu, um eine bessere Welt zu erschaffen.

GS: Hattest Du je das Gefühl „Ich will nicht mehr zurück an die Oberfläche“?

Marcelo Mammana: Immer, immer, immer …

GS: Vielen Dank.

Kelp forest and sun rays

Quelle Bilder: Marcelo Mammmana