Regula & Jan

Text und Bild Martin Hoch
Die Touristensaison an den Küstenorten Argentiniens ist Mitte Dezember noch kaum angelaufen. An einem sonnigen Nachmittag verlassen wir den Campingplatz zu Fuss um einige Kommissionen zu tätigen. Unser VW Bus steht ganz alleine auf weiter Flur, wir sind noch die einzigen Gäste der familiär geführten Anlage.

Als wir ermüdet zurückkehren, schwer beladen mit einem halben dutzend Plastiktüten, erhellt sich unser vom Einkaufen strapaziertes Gemüt gleich wieder und ein Lächeln huscht über unsere Gesichter, als wir bemerken, dass sich zu unserem Gefährt, als seien sie Geschwister, ein grüner VW Bus dazugesellt hat. Tortuga heisst die Dame, erfahren wir später am Abend von den Besitzern Regula und Jan. Wir geniessen den Abend mit den Zweien, fernab der Heimat wieder einmal frei von der Leber weg reden und verstanden zu werden, tut richtiggehend gut. Regula ist in Basel gross geworden, während Jan aus dem süddeutschen Raum stammt, inzwischen jedoch zusammen mit Regula in Basel wohnt.

Wie immer will ich mehr wissen – was für Leute sind es, was haben Sie für einen Hintergrund und für mich immer ganz wichtig, was ist ihre Motivation für diese Reise.

GS: Ihr seit ein Jahr auf Reisen – eine lange Zeit. Wie ist diese Idee entstanden?
Regula: Ich habe einige Freunde, die lange Reisen mit dem Motorrad oder einfach als Backpacker gemacht haben und ich dachte mir dabei immer, wenn sie davon erzählt haben: „Das will ich auch mal machen, aber am liebsten in einem alten VW-Bus.“ Als ich Jan kennengelernt habe, habe ich ihm davon erzählt und er war auch begeistert davon. So hat die Suche nach einem geeigneten Fahrzeug angefangen.
Jan: Ich fand eine richtige Reise, nicht einfach ein Urlaub, immer interessant. Wenn ich Leute traf, die das machten, war ich immer interessiert und auch neidisch. Ich dachte schon fast, die geeigneten Zeitpunkte (so klassische wie zwischen Schule und weiterer Ausbildung oder dieser und Berufsanfang) verpasst zu haben. Aber es gibt sie, denke ich, immer wieder, diese Zeitpunkte, man muss sie sich nur zurecht legen… Und als ich Regula traf mit ihrer VW-Bus-Reise Idee, da war ich gleich dabei.

GS: Wie genau sehen eure Pläne aus, welche Länder wollt Ihr bereisen?
Regula & Jan: Wir landeten in Buenos Aires, Argentinien. Unser Plan war zunächst nach Süden bis „zum Ende“ zu fahren und dann über Chile und Peru bis nach Ecuador. Von hier ist der Rückweg über Peru, Bolivien, Paraguay und Uruguay wieder nach Buenos Aires geplant. Details über Strecke und Einhalten der groben Richtung waren nie festgelegt.

GS: Die Welt ist gross – viele unterschiedliche Städte, Kulturen, Landschaften laden einem dazu ein sie zu erkunden. Wie konntet Ihr Euch für eine Region, einen Kontinent entscheiden?
Jan: Es gibt viele interessante Orte und ich gebe zu, den Hauptantrieb für diese Region gab Regula mit ihrem grossen Wunsch Patagonien. Aber eine Überlegung war auch, dass es sich für den ersten Trip als Unerfahrene noch gut reisen lassen sollte, andererseits es vielleicht gut ist, solange man nur zu zweit ist.
Regula: Ich habe schon ein paar asiatische Länder bereist und wollte darum lieber etwas ganz anderes sehen. Von Patagonien hatte ich schon einiges gehört und gesehen und war sofort begeistert. Australien wäre auch eine Option gewesen, aber wir haben uns dazu entschlossen, Australien zu einem späteren Zeitpunkt (vielleicht dann als Familie…) zu bereisen.

Eine längere Reise will ich auch mal machen, aber am liebsten in einem alten VW-Bus.

Am kommenden Tag planen wir beide weiter zu ziehen, jedoch in unterschiedliche Richtungen. Schnell fällt uns auf, dass Regula und Jan einen ähnlich gemütlichen Reisestil wie wir pflegen. Trotz der bevorstehenden Fahrt, genehmigen sich die Zwei einen schmackhaften Kaffee, reden, geniessen und lassen den Tag langsam auf sich zukommen.

GS: Wie sieht euer Reisealltag aus und wird einem das Herumreisen nicht irgendwann langweilig?
Regula & Jan: Wir stehen meist spät auf, frühstücken in Ruhe und schauen, was wir am Tag machen wollen… am Abend kochen wir Essen und verspeisen dies gemütlich, das reicht dann oft bis zum Schlafen gehen. Dazwischen gibt es natürlich sehr unterschiedliche Tage. An Reisetagen fahren wir meist nicht den ganzen Tag, sondern nur zwei bis drei Stunden. Nein, bis jetzt kann von Langeweile keine Rede sein, das gestalten der nächsten Tage und besorgen der Grundbedürfnisse (Essen, Duschen, Einkaufen, Waschen) ist nicht immer so selbstverständlich und füllt den ein oder anderen Tag. Alternative Tätigkeiten wie mehr Spanisch lernen, kommen da sogar kürzer, als wir gedacht hätten.

Ein paar Tage und hunderte Kilometern später treffen wir Regula und Jan wieder. Wir verbringen einen weiteren Abend mit angeregten Gesprächen und dürfen mehr über das aufgestellte Pärchen erfahren. Jan ist als Assistenzarzt tätig, während Regula der Arbeit als Pflegefachfrau nachgeht. Beide haben eine angenehme und feinfühlige Art und sind gute Zuhörer. Eigenschaften die Ihnen beruflich wie auch privat sicher zu Gute kommen./p>

GS: In der Schweiz arbeitet Ihr beide im Gesundheitswesen, welche Tipps würdet ihr jemandem geben, der eine längere Reise plant und was sollte der Reisende unbedingt im Gepäck dabeihaben?
Regula & Jan: Wir haben da keinen Geheimtipp. Ganz klar bei entsprechender Stelle über die empfohlenen Impfungen informieren und die nötigen machen lassen. Ansonsten was man zu Hause auch benötigt mitnehmen. Zumindest auf unserer bisherigen Reise haben wir den Eindruck, dass man alles auch hier bekommen kann (ausser vernünftige Tampons in Chile!). Wir haben wohl viel zu viel dabei, Sachen, die wir zu Hause auch nicht im Schrank haben wie z.B. Antibiotika. Hier sollte eh ein Arzt die Indikation und das geeignete Antibiotikum stellen.

GS: Was denkt ihr aus medizinischer Sicht zum Thema Reisen mit Kindern – sollte man Fernreisen eher unterlassen bzw. auf was sollte man achten, wenn man eine solche Reise wie die eure mit Kindern plant?
Regula: Ich finde, dass man mit Kindern aus medizinischer Sicht problemlos eine Fernreise unternehmen kann. Ich denke allerdings, dass es wichtig ist, schon bei der Planung und natürlich auch auf der Reise selbst auf das Kind Rücksicht zu nehmen. Ich glaube, dass man zum Beispiel selten mehrstündige Fahrstecken einplanen sollte und dass man sich immer wieder Zeit, um mit dem Kind zu spielen, nehmen sollte. Falls das Kind noch sehr klein ist (unter 6 Monaten) würde ich allerdings davon abraten eine Fernreise zu machen, bei der doch manchmal über mehrere Tage kein Kinderarzt/Kinderspital zu erreichen ist, da bei Babys z.B. eine Infektion oder Durchfall sehr schnell fatale Folgen haben kann.
Jan: Dieser Meinung kann ich mich gut anschliessen. Es gibt sicher problematische Regionen in der Welt (Afrika, Teile Asiens), hier in Südamerika sehe ich da weniger Probleme. Ich würde noch bedenken, dass zumindest bei sehr kleinen Kindern die Reise für die Eltern ist, die Kinder haben gleich viel Spass am Urlaubsort um die Ecke.

Wir stehen meist spät auf, frühstücken in Ruhe und schauen, was wir am Tag machen wollen…

Beim Reisen legen Regula und Jan eine grosse Gelassenheit an den Tag. Seit Tagen fahren sie mit einer notdürftig angebrachten Plexiglasscheibe durch die Gegend, da ihnen ein Steinschlag die Frontscheibe in Tausend Stücke zersplittert hat. Eine Ersatzscheibe ist nirgends in Sicht – die argentinischen Mechaniker winken ab, dieses Modell gibt es hier nirgends zu erstehen. Doch ihnen scheint dies nichts auszumachen, auch die patagonischen Winde, die täglich gegen die Plexiglasscheibe peitschen bringen sie nicht aus der Ruhe. Monate später erfahren wir, dass sie die Frontscheibe erst tausende Kilometer später, im weit entfernten Santiago de Chile ersetzen konnten. Sich den jeweiligen Begebenheiten unkompliziert anpassen zu können, zu improvisieren wenn es möglich ist und sich mit Tatsachen, die man nicht ändern kann zu leben, sind wichtige Voraussetzungen beim Reisen – den Zweien scheint es im Blut zu liegen.

GS: Habt Ihr euch schon einmal überlegt in einer Hilfsorganisation mitzuarbeiten – sich für längere Zeit fern von zu Hause aufzuhalten scheint Euch nichts auszumachen und die fachlichen Fähigkeiten, die Ihr besitzt könnten besser nicht sein?
Jan: Ja, das habe ich schon öfter. Aber die Voraussetzungen bei einer Organisation mit zu wirken sind oft sehr detailliert und es ist gar nicht so einfach da „hinein zu passen“ (z.B. Sprachkenntnisse oder besondere Qualifikationen).
Regula: Ich habe mir das auch schon überlegt und mich über Organisationen wie z. B. Ärzte ohne Grenzen oder das IKRK informiert. Man muss allerdings wie gesagt einiges an Voraussetzungen mitbringen um dort mitzuarbeiten. Zudem muss man sich für eine längere Zeit dafür verpflichten, mit fremden Leuten in ein Land zu gehen, in dem eventuell noch Krieg im Gang ist oder sehr schlechte Lebensbedingungen herrschen. Dazu war ich bislang nicht bereit.

GS: Ihr habt bestimmt schon viel Interessantes gesehen und gleichzeitig wartet noch viel Schönes auf Euch – was war bis anhin das grösste Highlight und auf was freut ihr euch am meisten?
Jan: Als Highlight empfinde ich, wie oft wir unglaublich schön im Grünen, an einem See oder Fluss , einfach traumhaft mit unserem Bus stehen können. Besonders beeindruckend fand ich den Pass über Chile Chico, hier hatten wir fast einmaliges Wetter und der riesige See war spiegelglatt und das Anden Panorama wahnsinnig beeindruckend. Dies ist auch meine Vorfreude, weitere tolle Panorama in den Anden.
Regula: Ich finde es schwierig ein Highlight als das Grösste zu bezeichnen, da wir so viele schöne Dinge gesehen und erlebt haben. Mich haben die gewaltigen Kräfte der Natur sehr beeindruckt, wie der Gletscher Perito Moreno, der sich immer weiter in den Lago Argentino schiebt und dabei immer wieder grosse Eisstücke abbrechen und mit grossem Krach in den See fallen, oder der Vulkan Chaiten, der vor ein paar Jahren ausgebrochen ist und nun immer noch vor sich hin brodelt und qualmt. Ich freue mich auf alle schönen Dinge, die wir noch erleben werden, es gibt nichts, wo ich sagen könnte, dass ich mich darauf „am meisten „freue.

GS: Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr zu der Reise von Jan und Regula findet ihr auf ihrem Blog La Tortuga Viajes.

…der riesige See war spiegelglatt und das Anden Panorama wahnsinnig beeindruckend.