Von Hamburg nach Montevideo – eine Schifffahrt – Teil 2

Text und Bild Martin Hoch
Seit vor hunderten von Jahren die ersten Seefahrer von Europa aus startend den neuen Kontinent Südamerika das erste Mal erreichten und schliesslich besiedelten, ist und bleibt eine Schifffahrt über “den grossen Teich”, den Atlantik, etwas Grossartiges mit einem Hauch von Abenteuer behaftet. Segelboote, luxuriöse Kreuzer, Frachtschiffe und was sonst noch schwimmt, alle müssen den Atlantik überqueren, um von Ost nach West zu gelangen. Dieses Abenteuer reizte die Passagiere des Luxusschiffes “Hamburg”, die im Frühjahr 1969 eine Kreuzfahrt von Hamburg nach Montevideo unternahmen, genauso wie uns, die die fast gleiche Strecke mit dem Frachtschiff “Grande Francia”, im Spätherbst 2012 unternehmen werden.

Grande Francia – Bevor wir die Biskaya erreichen, erkundigen wir uns noch auf der Brücke, wie uns die See in der Bucht gesinnt sein wird. Ein dunkler Blick und ein Schwall italienischer Worte des Kapitäns sagen uns genug – es sieht rabenschwarz aus. In gebrochenem Englisch fügt er schliesslich noch hinzu, es werde ziemlich ungemütlich, aber so sei die Biskaya nun mal. Wir lassen uns die Laune nicht verderben, schauen hinaus übers Meer, den frostigen Nordwind im Gesicht und erspähen unweit des Schiffes entfernt eine Schule Delfine, wie sie den rauen Bedingungen trotzend, spielend durchs Wasser ziehen. In der Nacht beginnt das Schaukeln, die Wände knarren und der Regen peitscht an die Fenster, doch so lange wir im Bett liegen, protestieren unsere Körper noch nicht. Der kommende Tag ist für all diejenigen, welche dem Tanz der Wellen wenig abgewinnen können, ein mühsamer Partner. Die Gänge auf dem Schiff sind fast leer und die wenigen Gesichter, die man sieht, haben eine leicht bleiche Farbe. Wobei festzuhalten ist, dass die See zwar unruhig und die Wellen hoch waren, sie dem drohenden Blick des Kapitäns jedoch nicht gerecht wurden. Unser italienischer Kapitän erlag wohl etwas dem Temperament eines Südländers.

Hamburg – Es folgte die Nacht zum 1. April. Eine traumlose Nacht im sanft sich wiegenden Bett. Am nächsten Morgen, dank dem Gott der Meere, sieht alles schon ganz anders aus. Blau ist der Himmel, durch die Bullaugen strahlt die Sonne, und der Wind weht nur noch mit dreieinhalb. Die Frühstücksbrötchen schmecken wieder, der Kaffee, der Orangensaft, und man hat wieder Appetit auf Kaviar. Auf dem Sonnendeck stellen Matrosen die ersten Liegestühle auf.

Grande Francia – Spanien, auf dich haben wir gewartet und deiner Wärme und dem Segen deiner Sonnenstrahlen entgegengefiebert. Mit einer Tasse des schwarzen Goldes, einem starken italienischen Kaffee, und einer Pizza in der Hand sitzen wir frühmorgends auf Deck. Die Pizzen sind jeweils unser Frühstück; es gibt sie täglich ab 7:30 Uhr in drei Variationen – eine mit Tomaten, eine mit Zwiebeln und eine à la Focaccia. Es mag speziell anmuten, am Morgen eine Pizza zu essen, sie sind jedoch vorzüglich, so wie es das Essen insgesamt ist. Dies verdanken wir unserem süditalienischem Koch, der uns jeden Tag, auf einem Frachtschiff wohlgemerkt, zwei Dreigänger zaubert und uns dazu abwechselnd einen Rot- bzw. Weisswein serviert. Das Essen nehmen wir in der Offizierskantine ein und werden von Ephraim, einem Filipino, und Daniele, einem Sizilianer, umsorgt. Wer nicht täglich zwei kleine Flaschen Wein trinken mag, der lässt ihn wie wir stehen, in Vorfreude auf die köstlichen Weine Uruguays, Argentiniens und Chiles, andere widerum schaffen sich die Vorräte in ihre Fahrzeuge, um wie sie versichern, später die einheimischen Polizisten und Grenzbeamten zu bestechen.

Die Stimmung ist gut, teilweise angenehm ausgelassen und doch sieht man am Horizont die ersten Wolken aufziehen.

Hamburg – Die Stimmung an Bord ist gut bis sehr gut. Nur ein paar Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Ein Ehepaar zum Beispiel will in Dakar aussteigen, weil es immer noch nicht den richtigen Tisch zum Essen gefunden hat. Eine andere Dame der illustren Bordgesellschaft zweifelt ständig an der Intelligenz der Stewards, weil der Tee nicht immer gleich dann in ihre Tasse fliesst, wenn sie ihn haben möchte. Standort des Schiffes am Abend des 1. April: An Backbordseite liegt die spanische Küste, die „Hamburg“ passiert Cap Finisterre. Gute Sicht, klarer Himmel mit leichter Bewölkung. Windstärke zwischen vier und fünf. Heute am 2. April, erreicht Hamburgs weisse Dame die Kanarischen Inseln. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 22,5 Knoten geht es flott in Richtung Westafrika.

Grande Francia – In den ersten Tagen der Schifffahrt wird viel gelacht, die Stimmung ist gut, teilweise angenehm ausgelassen und doch sieht man am Horizont die ersten Wolken aufziehen. Der Plan von Wolfgang (Helmut) und Renate, zusammen Südamerika zu bereisen, so erkennt man als Mitpassagier langsam, scheint gelinde gesagt ein nicht unkompliziertes Vorhaben zu sein. Zwischen den Beiden fallen immer wieder bissige Kommentare, sie wechseln ungnädige Blicke und auch als Aussenstehender wird man immer wieder ungewollt in die Liaison hineingezogen. Wir hoffen, dass dies nur ein vorübergehendes Problem ist, ahnen jedoch, dass uns dieses Zweiergespann noch einiges an verzichtbarer Unterhaltung bieten wird. Aber wie gesagt, generell ist die Stimmung gut und wir freuen uns alle darauf in den nächsten Tagen an den kanarischen Inseln vorbei zu fahren, Europa zu verlassen und der Küste Afrikas entgegen zu steuern.

Die begehrtesten Plätze sind nun im Schatten, denn die gleisende Hitze der afrikanischen Sonne vertreibt auch die harteingesottensten Sonnenanbeter.

Hamburg – Glatte, azurblaue See, afrikanische Sonne und ein weisses Schiff. Auf der „Hamburg“ werden jetzt die Bikinis ausgepackt und Sonnenschutzmittel hervorgekramt. Die Hemden bleiben im Schrank. Auf dem Lido-Deck ist das Freibad eröffnet worden, auf dem Sonnendeck spielt man mit freiem Oberkörper (die Herren) Bordgolf.

Nur drei Tage vergingen, dann hatte Jungfrau „Hamburg“ ihre kleinen Kinderkrankheiten überwunden. Inzwischen ist sie in den Wellen des Atlantik zu einer blühenden Frau geworden und hat, wenn dieser Bericht die Leser des Hamburger Abendblattes erreicht, zum erstenmal auf dieser Reise Anker geworfen. Wir sind in Dakar, der modernen Hauptstadt der seit 1960 unabhängigen Republik Senegal in Westafrika. Auf der Höhe von Casablanca hat Afrikas Sonne die ersten Schweissperlen auf Passagierstirnen treten lassen.

Grande Francia – Während die Damen der Gesellschaft langsam eine schöne Bräune erlangen, tauschen die Herren ihre Jeans mit Shorts und befreien ihre Oberkörper von ihren Shirts. Auch bei den Herren verändert sich die Hautfarbe, die bleichen Waden und Bäuche sind abends, es ist Ansichtssache, braun oder halt auch rot.

Die „Grande Francia“ hatte 2002 ihre Jungfernfahrt, ist somit bereits eine Dame in ihren besten Jahren, doch es ist noch immer normal, dass die Klimaanlage ständig ausfällt und nachts so laut vor sich hinbrummt, dass gewisse Passagiere wegen des Lärms kaum eine Auge zu tun, ja sich sogar genötigt fühlen, in einem Fahrzeug auf dem obersten Deck, das zum Transportgut gehört, zu nächtigen. Wenn es in der Kabine wiedermal irgendwo knarrt oder ein hartnäckiges klack-klack Geräusch, fast wie ein tropfender Wasserhahn, ertönt, steht man auf und schiebt eine altes Taschentuch oder ein Stück Karton an den Ort, von dem das Geräusch kommt, meist irgendwo an der Decke, wo sich die Lamellen gegeneinander reiben. Nach einer wohltuenden Dusche findet man sich oft auf dem Boden knieend wieder, um die etlichen Mosaikfliesen die sich gelöst haben, notbedürftig an ihren angestammten Platz zurück zu setzen. Ich frage mich auch heute noch, wieso wir einen Fernseher in der Kabine hatten, obwohl es weder einen Fernsehempfang gab noch ein dazugehöriges DVD Gerät vorhanden war.

Als wir die kanarischen Inseln hinter uns haben und Dakar vor uns, sind die Tage, an denen man sich auf dem Aussendeck sitzend der Sonne entgegen gerichtet hat, vorbei. Die begehrtesten Plätze sind nun im Schatten, denn die gleisende Hitze der afrikanischen Sonne vertreibt auch die harteingesottensten Sonnenanbeter. Wir spüren den Atem von Dakar.