john-titelbild

Text und Bild Martin Hoch
Wir treffen John auf dem Frachtschiff „Grande Francia“, das uns von Hamburg nach Montevideo bringen soll. Auf dem Schiff ist die Tischordnung bei den Mahlzeiten, welche vom Captain festgelegt wurde, strikt einzuhalten: ein Tisch für die fünf anwesenden Deutschen, einer für die Franzosen und der dritte Tisch für die nirgends zugehörigen zwei Schweizer und John, den Holländer. John ist uns in den fünf Wochen der Überfahrt ein sehr angenehmer und humorvoller Tischpartner. Wir dürfen viel über sein interessantes Leben erfahren, ein Leben, so scheint es, dass ständig neue Ziele ansteuert und Herausforderungen als willkommene Gäste behandelt. In den nächsten 1-2 Jahren möchte er, von Uruguay aus startend, Süd- und Nordamerika bereisen.

GS: Du warst bereits fünf Mal als Passagier mit einem Cargo Schiff auf hoher See. Was fasziniert dich an dieser Art des Reisens?
John: Nebst interessanten Begegnungen mit anderen Menschen lernt man wie es auf einem Schiff zu und her geht. Normalerweise sieht man ein Cargo Schiff nur aus der Ferne und hat kaum einen Einblick in das tägliche Treiben. Zudem bekommt man Orte fernab der Touristenrouten zu sehen.

In den ersten Tagen auf dem Frachtschiff, für uns eine neue Welt, belagern wir John täglich mit allerhand Fragen zur marinen Welt. John gibt uns jeweils bereitwillig Auskunft, worum wir sehr dankbar sind, da die Schiffscrew in den ersten Tagen in den Häfen von Europa mit Manövern, ein- und ausladen und sonstigen Arbeiten beschäftigt ist.

GS: Die See symbolisiert die Freiheit – ein hohes Gut. Was ist für dich im Leben das höchste Gut?
John: Nebst der Gesundheit, die Möglichkeit zu haben, die Welt zu entdecken.

Ständig in Bewegung zu sein und zu neuen Ufern aufzubrechen, scheint für John so etwas wie die Grundnahrung seines Lebens zu sein. Er erzählt uns von seiner Fahrradtour nach Rom, Paragliden in Österreich, seinen Wanderungen im Graubünden, Tauchen am Great Barrier Reef, seinen Rundreisen in Andalusien und vielem mehr.

GS: Zwischen deinen Fernreisen bist du auch in Europa ständig unterwegs – was treibt dich an?
John: (schmunzelt) Ich kann einfach nicht rumsitzen, spätestens nach zwei Wochen zu Hause, muss ich wieder etwas unternehmen. Ich finde immer einen Grund der Langeweile zu entfliehen, etwas zu erleben und neue Leute kennen zu lernen.

GS: Ich durfte dich als einen Mann mit viel Humor, einen Gentleman alter Schule und guten Gesprächspartner kennen lernen. Du sagst über dich selbst aber auch, dass du ein Egoist bist – wie meinst du das?
John: Ich mache was ich will und gehe konsequent meinen eigenen Weg. Natürlich hätten meine Frau und meine Tochter lieber, dass ich mehr zu Hause bin, im Speziellen auch an Feiertagen wie Weihnachten. Das verursacht immer wieder schwierige Situationen. Ebenfalls kann es vorkommen, dass ich meine Liebsten erst von einer bevorstehenden längeren Reise in Kenntnis setze, nachdem ich sie bereits gebucht habe.

GS: Bereits mit 30 Jahren hast du deine erste Firma verkauft. Insgesamt gehörten dir 3 Firmen. Du scheinst nicht nur ein Lebemann, sondern auch ein harter Arbeiter zu sein?
John: Das ist richtig. Ich geniesse das Leben, aber auch die Herausforderungen. Würde ich heute, hier auf dem Schiff, eine gute Idee haben, würde ich sie sofort versuchen umzusetzen.

John kann uns in wenigen Sätzen erklären wie man ein mittelgrosses internationales Unternehmen aufbaut. Sein Denken ist analytisch und strukturiert und doch kann man ihm ansehen, dass ständig Gedanken als Querschläger durch sein Hirn rasen – wahrscheinlich kann er damit nicht nur Leute für neue Ideen begeistern, sondern gepaart mit seiner Energie auch einige verwirren und überfordern.

GS: Hand aufs Herz: die vielen Arbeitsstunden, Geschäftsreisen und die ständige Verantwortung – wurde es dir nicht einfach irgendwann zu viel?
John: (schmunzelt) Ich bin abgehauen. Im Ernst, es ist so, dass ich stets noch mehr wollte. Ich sah überall Möglichkeiten und hatte viele Ideen. Es kostete mich aber immer mehr Kraft, alle Leute um mich herum zu begeistern, den Ball nach vorne zu spielen und zu schauen, dass alle hinterher rennen. Als ich gemerkt habe, dass mir dies nicht mehr immer mit aller Konsequenz gelingt, wusste ich, dass der Moment gekommen ist aufzuhören.

GS: Zurück zum Reisen – welches ist dein liebster Ort und wieso?
John: Ich habe viele schöne Orte gesehen, aber Europa ist für mich immer noch der schönste Ort auf Erden.

In der Tat schwärmt John immer wieder von Spanien, Italien und im Speziellen auch von der Schweiz, wo er zwei Monate seiner Jugendzeit verbracht hat. Wenn er in der Schweiz unterwegs ist, schätzt er den Schweizer Käse sowie Rivella und selbst auf seiner bevorstehenden Reise wird er eine Dose Aromat in seiner mobilen Küche dabeihaben.

GS: Dürftest du noch eine letzte Reise vor Deinem Tod unternehmen, wohin würde Sie führen?
John: (schmunzelt) Am besten zum Himmel, aber der Weg zum Himmel ist nicht ausgeschildert. Auf jeden Fall würde ich aber noch gerne entlang der Seidenstrasse nach Asien reisen.

GS: Danach kommt der Tod – wohin wird dich diese Reise führen?
John: Nirgendwohin, es wird Schluss sein. Wenn ich aufhöre zu atmen, werden viele traurig, aber auch einige froh sein (lacht).

GS: Vielen Dank für das Gespräch.

Ich finde immer einen Grund der Langeweile zu entfliehen.