Die Nordsee: rau, authentisch und erholsam

Wer die Nordsee mit Cüpli trinken, hippen Cafés und schicken Restaurants verbindet, liegt falsch. «Das finden sie auf den Insel draussen», klären uns die Einheimischen auf. Das Festland ist bodenständig, unaufgeregt, authentisch und dabei richtig erholsam. Nein, eine Wellnesskultur habe man hier nicht. Wozu auch? «Wir haben das Wattenmeer», sagt mir Watten-Peter, der hier Führungen übers Wattenmeer anbietet. «Da draussen herrscht Ruhe, da erholt man sich so richtig.» Habe er keine Führungen, ziehe es ihn ständig da raus.

Das Wattenmeer an der Wurster Nordseeküste

Ganze 450 km lang ist das Wattenmeer, dehnt sich von Skallingen in Dänemark bis nach Den Helder in Holland aus. Es zeichnet sich durch starke Gezeiten aus: Bei Flut schaut es aus wie jedes Meer, bei Ebbe aber zieht sich das Wasser kilometerweise zurück. Dann zieht Watten-Peter jeweils mit Touristengruppen los, wandert mit ihnen übers Watt. Als erstes gibts einen kleinen Rekurs über die Entstehung dieser doch speziellen Landschaft, über die Geografie, die Gezeiten, wie das mit Ebbe und Flut funktioniert. Alles in verständlicher, humorvoller Art und Weise. Schliesslich nehmen mindestens so viele Kinder wie Erwachsene an der Tour teil.

Später legt er Hand an, sticht mit seiner Spatengabel in den Boden und erklärt: «Von einem Quadratmeter Wattboden können sich zwei Millionen Tiere ernähren.» Vögel, Fische, Krebse, Kleinstlebewesen und der Wattwurm. Den möchte er nun finden. Dazu gräbt er den Boden Stück für Stück um. Bis ein Raunen durch die Gruppe geht. «Da! Da!», wird gerufen. Watten-Peter nimmt den Wurm aus dem Boden, hält ihn wie eine Trophäe in der Hand und sagt: «Mann, ist der dick Mann.» Alle lachen. Und auch zum Wattwurm hat der Führer einiges zu erzählen. Ja, während man als Besucher weitgehend Schlick sieht, zeigt uns Watten-Peter, wie viel mehr sich hier verbirgt. Er schickt die Kinder los mit dem Auftrag, dass jedes Kind ihm vier verschiedene Muscheln bringen soll. Ein Gaudi. Die Kleinen buddeln, suchen, rennen herum und schliesslich kommen sie alle mit ihren Funden zu Watten-Peter zurück. «Den Teil mögen die Kinder immer am meisten», sagt er.

Das Klima hier ist frisch. Watten-Peter sagt treffend: «Wir haben hier auch Hochsommer, wenn auch manchmal nur einen Tag.» Und ergänzt: «Letzte Woche schien die Sonne, es war gefühlte 17 Grad – da kam ich so richtig ins Schwitzen.» Hier im Norden gehören eine steife Brise und Wolkengebilde zum Alltag. Die Bewohner störts nicht. Im Gegenteil – hier ist man beinahe etwas stolz aufs kühle nordische Klima. Es gehört zum hiesigen Lebensgefühl.

Doch das Wattenmeer ist nicht nur Wandergebiet für neugierige Touristen, hier wird auch gearbeitet und zwar dann, wenn das Wasser wieder zurückkommt. Dann verlassen die Kutter der Krabbenfischer die Häfen. Wir begleiteten einen bei seiner Arbeit.

Reisetipp Eine Wattwanderung mit Watten-Peter unternehmen und die Aussicht vom Leuchtturm Obereversand in Dorum geniessen. wattenpeter.de, obereversand.de

Unterkunftstipp: Wir logierten im Deichhof in Wremen. Ein bezauberndes Gasthaus in einem regionaltypischen ehemaligen Bauernhof mit netten Zimmern und wunderbaren Ausblicken in die Natur. Dazu kommt ein feines Frühstück und herzliche Gastgeber.

Mehr Informationen zur Wurster Nordseeküste: wursternordseekueste.de

Die Krabbenfischer der Nordsee

Kulinarisch ganz wichtig sind an der Nordsee die Krabben. Wir wollten uns anschauen, woher die kleinen Genüsse kommen und fuhren nach Fedderwardersiel in Butjadingen. Hier im Hafen liegen eine Handvoll Fischkutter. Einer gehört dem Käpt’n Martin Sievers. Seit zwanzig Jahren geht er zur See, seit 2009 ist er sein eigener Chef. «Man glaubt es kaum, aber anfangs war ich seekrank.» Doch der Sohn eines Lehrers hielt durch und ergänzt: «Nach kurzer Zeit habe ich mich daran gewöhnt.» Und inzwischen könne er sich keinen schöneren Beruf mehr vorstellen. Täglich bei Flut verlässt er, zusammen mit Decksmann Tristan Schulz, den Hafen. «Wir sind jeweils zwölf bis vierzehn Stunden auf See – fünf Tage die Woche.» Den Rhytmus geben die Gezeiten vor. Zu spät zurückkommen möchte keiner, denn bei Ebbe wäre der Hafen nicht mehr zu erreichen. Dabei fangen sie täglich zwischen 300 Kilo bis zu zwei Tonnen Krabben. Letzte Saison war die Ausbeute mager. «Dafür war der Preis hoch», sagt Käpt’n Sievers. Die Rechnung ging auf.

Nach einer halben Stunde bricht Hektik auf dem Schiff aus. Decksmann Schulz legt los, in einem wahnsinns Tempo werden die Netze für den Fang bereit gemacht. Jeder Handgriff sitzt. Und so schnell wie die Netze zu Wasser gelassen wurde, so schnell kehrt wieder Ruhe ein.

Nun wird für Sievers und Schulz gearbeitet. «Die Netze sind nun eine bis drei Stunden im Wasser», sagt der Käpt’n. In dieser Zeit schauen die beiden Fernsehen, rauchen Fluppe um Fluppe, halten die See, den Echolot, Radar und weitere Geräte im Blick und geniessen ihre Freiheit. Der Vorgang wiederholt sich täglich fünf- bis sechsmal. «Das klingt für viele romantisch», sagt Sievers. Speziell dann, wenn er noch Bilder von dramatischen Sonnenuntergängen via Social Media teile. Aber das ist nur die eine Seite. Die Beiden stehen jeden Tag, bei jedem Wetter da draussen. Und die Nordsee ist unerbittlich, rau, kalt und fordernd. Und bis Mitte Dezember müssen sie ihr Geld verdient haben. Danach geht bis in den März, manchmal bis in den April hinein, nichts mehr. Auf die Zeit freut sich seine Familie. Dann haben die Kinder ihren Papa wieder. Familienzeit herrscht zwischen Februar und April auch anderorts: bei der Schäfferei Deichhausen. Bei Plümers Betrieb ist dann Lämmerzeit.

Kulinariktipp: Im Hafen von Fedderwardersiel gibt im Restaurant «Dat Havenhuus» leckere Fischgerichte. dat-havenhuus.com

Die Deichschafe der Nordsee

Sie geben Wolle. Landen auf dem Teller. Aber ihr eigentlicher Job ist ein noch viel wichtigerer: Die Schafe von Deichhausen sind für den Deichschutz zuständig. Was ein Deich ist? Das sind Meterhohe Schutzwälle aus Erde gegen Sturmfluten. Denn hier an der Nordsee ist alles flach. Richtig flach. Und in stürmischen Zeiten wäre das Land unter Wasser, wären da nicht die Deiche. «1962 verwüstete eine Sturmflut die Region. Es gab Durchbrüche bei mehreren Deichen», sagt Schäferin Plümer. Um dies zu verhindern musste der Boden verdichtet werden. Und Schafe führen genau diesen Job hervorragend aus. Während sie grasen, verdichten sie durch ihr Gewicht beim herumgehen automatisch den Boden. «Seit 62 hatten wir nie mehr einen Deichdurchbruch», ergänzt die Schäferin. Ein Erfolgsrezept. Aber eines, das aktuell gefährdet ist. Denn es lauert der Wolf. «Er kommt immer näher. Kürzlich erhielten wir Meldung, dass er 50 Kilometer von hier gerissen hat.» Dass sich der Wolf auch hier ansiedelt, ist nur eine Frage der Zeit. «Eine Lösung ist aber noch nicht in Sicht», sagt Plümer. Und schaut man sich die süssen Lämmer im Stall an, wird einem schwer ums Herz.

Der Hof ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Während den «Schäferstündchen» führt die Schäferin, sie führt den Hof zusammen mit ihrem Mann Harald Plümer, ihre Besucher über den Hof – wer Glück hat, darf auch noch die frisch geborenen Lämmer streicheln. Echt kuschelig. Wir finden: ein top Erlebnis! Und hoffen, dass es eine Lösung mit dem Wolf geben wird.

Reisetipp: Ein «Schäferstündchen» bei der Deichschäferei Feldhausen von Familie Plümer einlegen lohnt sich – speziell zur Lämmerzeit. deichschaeferei-feldhausen.de

Kulinariktipp: Bekannt für feine Fleischgerichte, seinen Smoker und einen 18-Top-Friesengolfplatz ist der Erlebnishof Iggewarden in Butjadingen. hof-iggewarden.de

Mehr Informationen zu Butjadingen: butjadingen.de

Das Welt-Fischstäbchen-Zentrum Bremerhaven

Eine Zahl verdeutlicht auf eindrückliche Weise, was hier geleistet wird: 11 Millionen. Soviele Fischstäbchen werden in der Hafenstadt Bremerhaven täglich – ja täglich – hergestellt. Und wer jetzt denkt, so wie wir bis anhin, dass Fischstäbchen aus minderwertigem gestampftem Fischfleisch hergestellt werden, liegt so richtig falsch. «Jedes Fischstäbchen muss zu 65% aus Fischfilets hergestellt werden», sagt man uns. Der Rest ist Panade mit Würze. Wir bleiben hartnäckig, fragen nach, ob es denn wenigstens Fisch-B-Qualität sei. Nein, da handelt es sich um beste Qualität. Und zu den 11 Millionen kommt noch ein beeindruckender Vergleich: Würde man die Fischstäbchen eines Produktionstages aneinanderreihen, wäre es eine Fischstäbchen-Kette von Bremerhaven bis nach Stuttgart. Und die Produktionsmenge eines Jahres würde unseren Planeten 4.5 Mal umrunden.

Nun gut, Bremerhaven produziert nicht nur Massenware (mit Qualität!), sondern bietet auch Feinkostläden, grossartige Fischrestaurants und das europaweit einzige Seefisch-Kochstudio. Letzteres ist hier seit neunzig Jahren eine Institution. Einst bildete man hier – heutzutage klingt es schrecklich patriarchalisch – die Hausfrauen in der Kunst des Fischkochens aus. Damit sie ihren Männern feine Fischkost auftischen konnten. Heutzutage ist alles zeitgemässer: In Kochshows und Kursen wird Teilnehmern vermittelt, wie man einen Fisch ausnimmt, filetiert und zubereitet. Dabei werden wichtige Werte vermittelt: Wie nachhaltig Fisch einzukaufen ist und auf welche Labels man achten sollte. Denn den Machern des Seefisch-Kochstudios liegt viel an nachhaltiger Fischerei. Ein Tipp am Rande: Das MSC-Label ist eine gute Orientierung beim Fischkauf.

Gleich neben dem Seefisch-Kochstudio an der Schaufenster-Fischereihafen-Plaza ists lebhaft: Hier reiht sich ein Restaurant ans nächste. Die meisten tischen vor allem eins auf: Fisch. Versteht sich von selbst. Aber auch Fisch-Feinkostläden, eine Fischräucherei und im Sommer etliche Livekonzerte bereichern das Angebot. Und jetzt kommen wir, zum Abschluss, noch zu einem richtig guten Gourmet-Tipp. Wer Bremerhaven besucht, sollte die Stadt nicht verlassen ohne im Restaurant Natusch gegessen zu haben. Das Fischrestaurant ist eine Legende. Seit 67 Jahren verkehren hier Hungrige – anfangs Kapitäne und Matrosen – heute Liebhaber der guten Küche. Das Interieur gleicht einem Schiff, die Speisen sind schlicht grossartig: Wir empfehlen den Limandes mit Krabben aus der Deutschen Bucht. Bis heute blieb der Betrieb in der Familie Natusch und als wir hier speisen, begrüssen uns gleich zwei Generationen – Kenneth der aktuelle Geschäftsführer und sein Schwiegervater Lutz Natusch. Das Haus ist ausserdem Deutschlandweit eine heisse Adresse, zählt zu den besten Fischrestaurants der Republik.

Reisetipp: Alles rund um den Fisch und die Tiefkühltruhe Europas vermittelt die geführte Erlebnistour «Tour de Fisch». bremerhaven.de/tourdefisch

Kochtipp: Sie möchten endlich auch mal selber einen feinen Fisch zubereiten, doch haben keine Ahnung wie das geht. Dann wäre das Seefisch-Kochstudio, das regelmässig Kochshows und Kurse anbietet, eine gute Anlaufstelle. seefischkochstudio.de

Kulinariktipp: Bremerhavens bestes Restaurant und eines der besten Fischrestaurans Deutschlands: das Natusch. Es ist unser ganz heisser Kulinariktipp für Bremerhaven. natusch.de

Die Pressereise fand mit Unterstützung der Nordsee GmbH und der Deutschen Zentrale für Tourismus statt.

Weiterführende Infos zur Tourismusregion Die Nordsee: die-nordsee.de
Weiterführende Infos zu Wellness & Kulinarik in Deutschland: germany.travel/aktivferien