Heinz Walker-Nederkoorn ist seit Oktober 2014 Botschafter in Colombo, Sri Lanka. Mit Globesession hat er über die neue Regierung, den Tourismus in Sri Lanka und über Reisen in das ehemalige Bürgerkriegsgebiet Jaffna gesprochen.

GlobeSession: Wie sehen die Beziehungen zwischen der Schweiz und Sri Lanka aus?
Heinz Walker-Nederkoorn: Die Beziehungen zu Sri Lanka sind gut, seit dem Regierungswechsel von Januar 2015 sogar sehr gut. Nach fast drei Jahrzehnten Bürgerkrieg im tamilischen Norden wurde im Mai 2009 der bewaffnete Konflikt beendet und seither haben wir auch die Beziehungen intensiviert.

Seit dem Regierungswechsel hat sich nun viel getan: Zu verschiedenen Anlässen haben sich unsere Bundesräte, namentlich Didier Burkhalter, Simonetta Sommaruga, Johann Schneider-Ammann und Doris Leuthard, mit verschiedenen Vertretern Sri Lankas getroffen, wie etwa dem Premierminister oder dem Parlamentspräsidenten. Nicht nur auf der politischen, auch auf der wirtschaftlichen Ebene wurden die Beziehungen verstärkt.

Wie ist die Schweiz in Sri Lanka aktiv?
Die Schweiz ist seit 2001 im Norden des Landes mit humanitärer Hilfe und Friedensförderung präsent. Hinzu kam der Tsunami Ende 2004 im Osten und Süden des Landes, wo die Deza zusammen mit der Glückskette, dem Schweizerischen Roten Kreuz und anderen Organisationen Hilfe leistete. Manche Familien verloren so gleich zwei Mal ihr Haus – durch die Naturkatastrophe und den Bürgerkrieg. Wir haben unter anderem geholfen, mit nachhaltigen Strategien die Häuser wiederaufzubauen. Die letzten 30 Jahre der bilateralen Beziehungen standen deshalb auch im Zeichen der Flüchtlingsproblematik. Seit Ende 2016 haben wir mit dem neuen Migrationsabkommen mit Sri Lanka eine solide Grundlage für unsere Zusammenarbeit in diesem wichtigen Bereich.

Wie sieht die Migrationsproblematik in Sri Lanka aus?
In Sri Lanka ist es vor allem während des ethnischen Konflikts im tamilischen Norden rund um Jaffna zu einem Braindrain gekommen, sprich viele gute ausgebildete Bürger verliessen das Land. Sri Lanka muss nun wieder eine Elite aufbauen. Das ist eine grosse Herausforderung. Sri Lankas Bevölkerung besteht aus 70% Buddhisten, 12% Tamilen, 10% Moslem und 7% Christen, diese ethnische Vielfalt macht es angesichts des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts schwierig, eine politische Lösung zu finden. Es braucht viel Zeit, das vollständig verlorene Vertrauen wieder aufzubauen.
Bezüglich Migration in die Schweiz kann man sagen, dass sich die Tamilen in der Schweiz schnell und gut integriert und Arbeitsplätze gefunden haben, vor allem im Gastronomie- und Industriebereich. Besonders die zweite Generation hat sich bereits völlig assimiliert und kulturell integriert.

Worin liegt das Hauptmerk der Schweizer Unterstützung in Sri Lanka?
Die Schweiz unterstützt Sri Lanka insbesondere bei der Versöhnung zwischen den ethnischen Gruppen und der Verfassungsreform. Die neue Regierung will ethnische Spannungen abbauen und strebt mit einer neuen Verfassung eine politische Lösung für den ethnischen Konflikt an. Im Vordergrund steht dabei die Dezentralisierung. Auch eine glaubwürdige Vergangenheitsbewältigung ist zentral bei der Versöhnung zwischen den verschiedenen Ethnien. Da gibt es allerdings noch erheblichen Handlungsbedarf.

Touristisch gesehen wird Sri Lanka immer beliebter. Für welche Art von Touristen eignet sich das Land?
Man sagt, Sri Lanka ist wie Indien für Anfänger – kulturell ähnlich, aber weniger chaotisch. (lacht) Landschaftlich ist Sri Lanka sehr schön und im Innenland ähnlich hügelig wie in der Schweiz. Es gibt zudem eine grosse Elefantenpopulation, viele Vogelarten, Nationalparks, aber auch wunderschöne Sandstrände. Es ist ein sehr abwechslungsreiches Land. Ein Vorteil ist bestimmt auch, dass es noch keinen Massentourismus gibt, wie etwa in Thailand.

Wie erkundet man Sri Lanka am besten?
Wenn man ein Auto mietet, sollte man besser auch gleich einen Fahrer engagieren, das kostet nicht viel mehr als die Automiete und macht die Reise viel einfacher. So kann man mehr Zeit mit Anschauen statt mit Suchen verbringen. Auch, weil ausserhalb der grossen Städte nicht so viele Leute Englisch sprechen.

Man kann das Land aber gut auch auf eigene Faust erkunden, es gibt viele Individualreisende in Sri Lanka. Der öffentliche Transport mit Zug und Bus ist relativ gut ausgebaut. Aus der Schweiz kommen 20 bis 25’000 Touristen pro Jahr nach Sri Lanka, das ist ungefähr gleich viel wie nach Bali. Dieser Anstieg in den letzten Jahren kommt vielleicht auch daher, dass viele typische Destinationen wie Nordafrika und der Mittlere Osten für viele Reisende zu unsicher geworden sind.

Wie sieht es in der Nord- und Ostprovinz aus, in welcher bis 2009 ein blutiger Bürgerkrieg herrschte?
Diese Gebiete können inzwischen wie die übrigen Teile des Landes bereist werden. Die Infrastruktur, vor allem Strassen und Energieversorgung, wurde neu aufgebaut. Punkto Tourismus besteht im Norden aber ein grosser Nachholbedarf; noch gibt es wenig Touristenattraktionen. Diese noch relativ unberührte Gegend reizt natürlich einige Reisende. Allerdings sollte man die EDA-Reisehinweise beachten, die laufend an die aktuelle Lage angepasst werden. Es gibt zum Beispiel immer noch Minen, auch wenn die meisten verminten Teile inzwischen geräumt wurden. Dennoch sollte man im Norden die Hauptstrassen nicht verlassen.

Was sind Ihre persönlichen Lieblingsorte in Sri Lanka?
Mir als Urner gefällt natürlich die Hochebene Horton Plains, auf über 2200 Meter, wo es kaum noch Bäume hat. Doch auch Trincomalee und die Sicht auf die Bucht sind wunderschön, oder die Teeplantagen in Nuwara Eliya. Die Naturparks im tropischen Umfeld mit der grossen Vielfalt an Pflanzen und Tieren haben es mir insbesondere angetan.

Was vermissen Sie aus der Schweiz?
Die Zuverlässigkeit von Institutionen und Infrastrukturen. Man darf definitiv nicht die gleichen Erwartungen haben wie in der Schweiz. Hier bin ich eher positiv überrascht, wenn etwas einwandfrei funktioniert. Solche Probleme sollte man aber nicht zu ernst nehmen, eine Prise Humor tut gut. Mit meinen 58 Jahren und meiner Lebenserfahrung ist das natürlich einfacher.