Interview Eva Hirschi, Bilder Olivia Gadient

Paul Seger (58) ist seit Oktober 2015 Botschafter in Yangon, Myanmar. Ein Gespräch über ein Malheur burmesischer Schreinerlehrlinge, warum die Schweiz Burmesen ins bernische Murten einlud und weshalb der Botschafter kürzlich 12 Kilogramm Raclette gekauft hat – in Thailand.

Globesession: Wie sieht Ihr Alltag als Botschafter in Yangon aus?
Paul Seger: Er besteht zu einem grossen Teil aus Networking. Myanmar besteht aus sieben Regionen, hat 135 anerkannte ethnische Gruppen und in vielen Gebieten herrschen immer noch gewalttätige Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien. Der Kontakt zu den verschiedenen Gruppen ist also grundlegend, um etwas zu erreichen. Die persönlichen Beziehungen haben in diesem Land oft einen grösseren Einfluss als politische Institutionen. Weiter kümmere ich mich auch um die verschiedenen Projekte, die wir in diesem Land aufgegleist haben.

Wie engagiert sich die Schweiz in Myanmar?
Wir haben verschiedene Schwerpunkte. In der humanitären Hilfe haben wir beim Aufbau der durch den Taifun 2008 zerstörten Schulen geholfen und unterstützen interne Flüchtlingscamps für Burmesen, die wegen ethnischen Konflikten aus einer gefährlichen Region flüchten mussten.

In der Entwicklungshilfe setzen wir auf Fördermassnahmen im Bereich der Bildung, notabene des dualen Bildungssystems, aber auch der Gesundheit und der Nahrungsmittelsicherheit – Myanmar ist zwar nicht unternährt, jedoch mangelernährt. Die Bevölkerung isst nicht gesund genug, was dazu führt, dass die Burmesen allfälliger für Krankheiten sind und sich teilweise nicht gut entwickeln. Die Landwirtschaft ist noch völlig unterentwickelt, teilweise werden die gleichen Anbaumethoden wie vor hundert Jahren verwendet. Wir helfen in Kooperation mit internationalen Organisationen bei der Modernisierung und Effizienzsteigerung.

Weiter engagieren wir uns in der klassischen Friedensförderung und der Demokratisierung des Landes. Wir organisieren beispielsweise für die Armee Workshops zum Thema Friedensverhandlungen.

Was für Ziele strebt Myanmar an, wo erst 2015 die ersten freien Wahlen stattfanden?
Politisch will sich Myanmar zu einem demokratischen, und wegen all den ethnischen Gruppen auch zu einem föderalistischen Staat entwickeln. Gerade punkto Föderalismus kann die Schweiz Beispiele aufzeigen, wie das politisch umsetzbar ist. Wir haben eine Studienreise ins bernische Murten organisiert, eine bilingue Stadt par excellence. Wir haben ihnen gezeigt, wie eine zweisprachige Schule funktioniert, wie sich die lokale Polizei organisiert und wie die Gemeinden und Kantone ihre Finanzen handhaben.

Es geht nicht darum, dass Myanmar dies eins zu eins umsetzt, aber es sollte als Gedankenanstoss dienen. Das Schöne: Wir haben dafür unterschiedliche Personen eingeladen – Regierungsmitglieder aber auch Mitglieder von Rebellentruppen und ethnischen Minderheiten – und sie haben sich alle gut verstanden. Gerade das gemeinsame Fondue hat also auch ein kleines bisschen zur Friedensförderung beigetragen.

Wie bringt die Schweiz den Burmesen das duale Bildungssystem näher?
Wir unterstützen ein Berufsbildungszentrum in Yangon und im Südosten des Landes, in welchem Jugendliche eine Lehre – ähnlich wie in der Schweiz – absolvieren können, etwa als Schreiner, Elektriker oder Coiffeuse. Wir möchten zeigen, dass man nicht unbedingt einen Uniabschluss braucht, um eine gute Arbeit zu finden. Dafür erhalten wir Unterstützung aus der Schweiz, zum Beispiel von pensionierten Berufsschullehrern, die hier Lehrmeister ausbilden, welche dann ihr Wissen den Lehrlingen weitergeben.
Das haben wir übrigens auch getestet: Für ein angemietetes Gebäude liessen wir die Schreinerlehrlinge einen Schrank mit Schubladen entwerfen und bauen. Das lief aber etwas schief. Sie merkten erst am Schluss, dass man die eingebauten Schubladen gar nicht öffnen konnte, weil die Schranktüren sie blockierten. Aber immerhin haben sie etwas gelernt – und wir haben nun halt keine Schubladen… (lacht).

Myanmar wird nicht nur für Schweizer eine immer attraktivere Reisedestination. Was muss man als Tourist in Myanmar beachten?
Die Burmesen sind überaus freundlich und Myanmar ist ein sehr sicheres Land, in welchem man problemlos reisen kann. Gewisse Teile des Landes sind allerdings für Ausländer – selbst für Botschafter! – immer noch gesperrt, man kann also nicht überall hin. Dies zum Teil wegen Konflikten, zum Teil aber auch wegen Landminen, die noch nicht entfernt wurden. Auf der Website des EDA finden sich entsprechende Reisehinweise.

Zudem ist Myanmar ein sehr buddhistisches Land. Man sollte deshalb auf die kulturellen und religiösen Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen und sich dementsprechend verhalten, sprich vor dem Betreten von Tempeln oder Klöstern Schuhe sowie Socken ausziehen und lange Kleidung tragen, welche die Schultern und Knien bedecken. Die touristische Infrastruktur ist zudem ausserhalb der Haupttouristenattraktionen erst noch am Entstehen und daher oft sehr simpel bis nicht vorhanden. Die Burmesen sind aber sehr gastfreundlich und hilfsbereit.

Sie sind seit über sechs Jahren im Ausland zu Hause, seit Oktober 2015 in Myanmar. Was vermissen Sie aus der Schweiz?
Den Winter. Und ein paar kulinarische Spezialitäten wie Bündner Fleisch oder – als Basler – natürlich die Basler Läckerli. Aber im nahen Bangkok findet man fast alles. Letztes Wochenende habe ich gar 12 Kilogramm Raclette-Käse gekauft!

Für Sie allein?
Nein! (lacht) Wir haben diese Woche gemeinsam mit Swiss Tourismus einen Event für Burmesische Reiseorganisatoren veranstaltet, um die Schweiz als Reiseziel bekannter zu machen. Dazu haben wir einen Film über die Schweiz gezeigt und gemeinsam Raclette gegessen. Langsam wächst in Myanmar nämlich eine Mittelschicht heran, die Geld zum Reisen hat. Schön wäre es, wenn Burmesen bei einer Reise nach Europa auch ein paar Tage in der Schweiz verbringen würden.