Da es im letzten Oktober zu einem Wechsel des Schweizer Botschafters in Nepal kam, sprach Globesession mit Diepak Elmer, stellvertretender Missionschef in Kathmandu, über die Beziehungen zwischen der Schweiz und Nepal. Der 38-jährige Glarner mit nepalesischen Wurzeln lebt mit seiner Frau seit Juli 2015 in der Hauptstadt Nepals.

Globesession: Wie sehen die Beziehungen zwischen Nepal und der Schweiz aus?
Diepak Elmer: Zweifellos sind es besondere Beziehungen, denn die Schweiz blickt auf eine lange, enge Zusammenarbeit mit Nepal zurück. Dieses Jahr feiern wir 60 Jahre diplomatische Beziehungen, doch bereits vorher war die Schweiz in Nepal aktiv. 1950 reiste die erste Schweizer Mission im Auftrag des Bundes nach Nepal, um Möglichkeiten zur Entwicklungszusammenarbeit zu sondieren.
Doch nicht nur auf der offiziellen Ebene, auch auf der persönlichen besteht eine enge Verbindung: Nepal ähnelt der Schweiz in der Topografie, mit der hügeligen Landschaft, den hohen Bergen, und ist ebenfalls ein Binnenland. Jedes Jahr reisen etwa 6000 SchweizerInnen nach Nepal; viele sind wiederkommende Besucher, die mit Einheimischen Freundschaften geschlossen haben. Zudem sind zahlreiche Schweizer Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Nepal tätig.


Wie ist die Schweiz in Nepal aktiv?

Seit 2009 gibt es eine Schweizer Botschaft in Kathmandu, vorher war die Schweiz mit einem Kooperationsbüro präsent, es handelt sich um das grösste bilaterale Schweizer Kooperationsprogramm weltweit. Wir arbeiten hier in verschiedenen Bereichen. Beispielsweise haben wir Projekte in der ländlichen Infrastruktur, konkret im (Hänge-)Brücken- und Strassenbau. Wir sind aber auch im landwirtschaftlichen Bereich, in der Berufsbildung und der Chancengleichheit für Frauen und benachteiligte Bevölkerungsgruppen engagiert.

Was für Folgen hatte das Erdbeben von April 2015?

Das Erdbeben war verheerend für das Land. Über 8000 Menschen verloren das Leben, über 600’000 Haushalte wurden zerstört, insgesamt geht man davon aus, dass ca. 3 Prozent der Bevölkerung durch das Erdbeben wieder unter die Armutsgrenze gerutscht sind. Die Regierung rechnet für den Wiederaufbau mit Gesamtkosten in einer Höhe von rund 9 Milliarden Schweizer Franken – das entspricht fast der Hälfte des Bruttoinlandproduktes von Nepal. Ziel der Regierung ist es, den Wiederaufbau bis 2020 zu realisieren. Es braucht also viel Zeit.
Gleichzeitig hatte das Land aber Glück im Unglück. Nepal kennt eine Sechstagewoche, der Samstag ist frei. Das Erdbeben fand an einem Samstagmittag statt – die Schulen waren also leer, die Geschäfte geschlossen, die meisten Menschen hielten sich draussen auf und nicht in Gebäuden. Wenn man bedenkt, dass rund 7000 Schulen teilweise oder ganz zerstört wurden, ist das Land tatsächlich vor noch schwerwiegenderen Folgen bewahrt worden.

Wie hat die Schweiz reagiert?
Die Schweiz hat sehr schnell reagiert, dies auch dank der langjährigen Präsenz und Erfahrung im Land. Innerhalb 72 Stunden nach dem Erdbeben fanden bereits die ersten Operationen durch Schweizer Ärzte im lokalen Spital von Gorkha statt (wo das Epizentrum des Erdbebens lag, Anm. d. Red.). Nebst einer Soforthilfe von 5 Millionen Franken hat die Schweizer Botschaft auch selber Hilfsgüter für temporäre Unterkünfte an über 40,000 Familien in den am meisten vom Erdbeben betroffenen Gebieten verteilt.
Weiter hat die Schweiz 25 Millionen Franken für den Erdbebenwiederaufbau gesprochen, die zum grössten Teil in bereits vorhandenen Projekten verpflichtet wurden, wie für den Wiederaufbau von Strassen und Brücken oder der Verteilung von Saatgut. Ausserdem unterstützt die Schweiz das nationale Wiederaufbauprogramm für Privathäuser, auch in Form von technischer Expertise, sprich von Fachleuten mit Erfahrung im erdbebensicheren Bauen.
Aber auch die Schweizer Bevölkerung hat einen grossen Beitrag geleistet. Insgesamt wurden über 30 Millionen Franken an die Glückskette gespendet. Zahlreiche Schweizer NGOs sind dank diesen Spendengeldern am Wiederaufbau beteiligt.

Wie sicher ist das Land für Touristen heute?
Die touristischen Infrastrukturen, zum Beispiel entlang der Route zum Mount Everest Base Camp, wurden sehr schnell repariert, denn das Land ist stark vom Tourismus abhängig. So gesehen sind Reisen nach Nepal also kein Problem. Inzwischen sieht man auch, dass sich die Höhe der Touristenzahlen allmählich erholt, dieses Jahr sind schon wieder deutlich mehr Touristen ins Land eingereist, als letztes Jahr nach den Erdbeben.

Was muss man bei Reisen nach Nepal beachten?

Es kann relativ schnell zu politischen Ausschreitungen, Strassenblockaden und Generalstreiks kommen. Diese können zu Spannungen und Unruhen führen. Als Tourist sollte man während dieser Zeit keine Transportmittel in Anspruch nehmen und grössere Menschenansammlungen meiden. Ich selbst gehe an solchen Tagen zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit. Bezüglich Transportmittel sollte man bei Überlandfahrten auf bewährte Transportgesellschaften setzen, denn es kommt leider öfter zu Unfällen, gerade mit öffentlichen Bussen.

Welche kulturellen Fauxpas gilt es zu vermeiden?

Man sollte sich bewusst sein, dass die Mehrheit der Nepalesen dem hinduistischen Glauben angehört, das heisst, Kühe sind für sie heilig. Wenn man eine Kuh verletzt oder tötet – auch wenn es ein Unfall war – kann das zu einer hohen Busse oder gar Gefängnisstrafe führen. Auch Drogenkonsum wird sehr streng geahndet, was manche überraschen könnte, da dem Land immer noch das Hippie-Image anhaftet. Generell empfehle ich, vor dem Flug nach Nepal die Reisehinweise des EDA zu studieren.

Sie leben seit 12 Jahren nicht mehr in der Schweiz. Was vermissen Sie?

Sicher meine Freunde und meine Familie, auch wenn ein Teil meiner Familie in Nepal lebt. An Materiellem fehlt es mir allerdings an nichts. Heutzutage leben wir in einer im Handelsbereich so stark globalisierten Welt, dass ich sogar hier ab und zu in einem Geschäft Fondue finde. (lacht)