Addis Abeba: Eine Hotelfachschule schafft Zukunftsperspektiven

Als Reisende werden Hotels oft zum Alltag. Doch wie sieht die andere Seite aus? Während drei Wochen unterstütze ich eine NGO in Addis Abeba, die junge Äthiopierinnen aus benachteiligten Verhältnissen zu qualifizierten Hotelmitarbeiterinnen ausbildet.

«Je suis, tu es, il est, elle est» wiederholt die Klasse meine Grammatikstunde in Französisch. Vor mir sitzen sechs Äthiopierinnen und Äthiopier, zwischen 23 und 49 Jahren alt. Sie alle arbeiten für die NGO Project-E, die in Addis Abeba eine Hotelfachschule für junge Frauen aus sozialökonomisch schwierigen Verhältnissen betreibt. Aida, Mulu, Fetenech, Betelhem, Maraki und Alemayehu arbeiten dort als Englisch- oder Hotelfachlehrer, als HR- oder Finanzverantwortliche, als Sozialarbeiter oder Projektmanager.

TOT – Training of Trainers

Die nächsten drei Wochen gebe ich ihnen Französischunterricht, mit dem Ziel, dass die Lehrpersonen den 25 Schülerinnen im nächsten Semester eine Grundlage in Französisch beibringen können, und auch die anderen Staff-Mitglieder auf Französisch kommunizieren können. Dies wird die zweite Fremdsprache für die Schülerinnen; Englisch ist bereits die Hauptsprache der Ausbildung. Doch der Markt verlangt auch Französischkenntnisse: Dies schon alleine wegen den französischsprechenden Gästen aus Westafrika, aber auch wegen der immer grösser werdenden Zahl an europäischen Touristen, die nach Äthiopien kommen. Mir gefällt zudem das Konzept TOT – training of trainers. Ein Französischunterricht für die Schülerinnen, bei dem die Lehrperson jeden Monat ändert, wäre nicht nachhaltig. So aber können die Lehrer ihr Französisch auffrischen und die Staff lernt die Grundlagen.

Spass muss sein

«Nous sommes, vous êtes, ils sont, elles sont», wiederholen sie brav weiter. Die Neugier ist gross, die Motivation spürbar. «Was heisst ‘Willkommen’ auf Französisch? Warum spricht man «eau» als «o» aus? Quatre-vingt-douze – warum rechnen die Franzosen bei den Zahlen so viel??» Der Unterricht macht grossen Spass. Erfahrung im Sprachen unterrichten besitze ich zwar nicht, allerdings habe ich in der Schweiz schon mehrere Workshops zu Journalismus geleitet. Jemandem etwas beibringen, das bereitet mir Vergnügen. Gerade beim Unterrichten in einer anderen Kultur kommt es immer wieder zu lustigen Momenten, wenn zum Beispiel ein französisches Wort auf Amharisch ebenfalls eine Bedeutung hat: Die Zahl «douze» (zwölf) etwa bedeutet dumm, «nous» (wir) heisst komm.

Tourismus in Äthiopien im (langsamen) Aufwind

In Äthiopien steigt die Nachfrage nach Hotels, immer mehr Touristen entdecken das Land als Reisedestination. Es handelt sich um das einzige Land Afrikas, das nie kolonisiert wurde – darauf sind die Äthiopier stolz und geben Acht, die Traditionen aufrechtzuerhalten und die Kultur weiterzuleben. Das macht Äthiopien als Reiseland sehr interessant. Noch dazu sind die Landschaften in Äthiopien atemberaubend, von hohen Bergen bis hin zu Vulkanen und Dschungel.

Die NGO Project-E hat das Potential im Tourismus erkannt und bietet deshalb jungen Frauen, denen der Zugang zur Universität aus finanziellen oder sozialen Gründen verwehrt bleibt, vielversprechende Berufsaussichten. Die zweijährige Ausbildung basiert nicht nur auf Hotelfachunterricht, sondern soll die Schülerinnen auch in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen. So gibt es beispielsweise Kurse in Leadership, Selbstbewusstsein, Taekwondo oder Kommunikation. Finanziert wird das Projekt derzeit rein aus Spenden aus Europa.

Sie wollen mithelfen?

Gegründet wurde die NGO 2011 in Deutschland, inzwischen arbeiten aber auch Österreicher und Schweizer für das Projekt – die meisten von ihnen freiwillig. Das Hospitality Institute gibt es seit Herbst 2015. Auf project-e.eu kann man das Projekt unterstützen, oder sich als Volontär bewerben und einen Monat direkt vor Ort mitanpacken. Volontäre erhalten Unterkunft und Mittagessen – und zudem gute Reisetipps.