Auf in den unbekannten Süden von Yunnan

Unser Fahrer lacht viel. Ein gelöster Mensch mit Schalk. «Er war aber nicht immer so», sagt uns Cheng Ke, unser einheimischer Begleiter, ein Han-Chinese. Im Gegenteil, der Fahrer sei ein angespannter, harter Mensch gewesen. Und richtig reich. «Dann hat ihn eine Pechsträhne erfasst, er hat alles verloren.» Alles bis auf seine Audi Limousine – unserem Gefährt auf einer Tour durch den unbekannten Süden Chinas.

Eigentlich wollten wir nach Mexiko. Auch Java in Indonesien stand im Raum. Doch bei der Planung sahen wir Bilder der Hani-Reisterrassen von Yuanyang. Da war klar, diese spektakulären Reisterrassen wollen wir sehen und abfotografieren. Was wir damals nicht ahnten: So einfach ist das mit diesen Reisterrassen nicht.

Kunming heisst unsere erste Station. Diese Sieben-Millionenstadt liegt in der Provinz Yunnan im Süden Chinas. Eine Region, die eine über 4’000 Kilometer lange Grenze mit Myanmar, Laos und Vietnam teilt. Von westlichen Touristen wird die Gegend noch wenig beachtet – erst am vierten Tag der Reise begegnen wir dem ersten Europäer; bis zum Ende der einwöchigen Rundreise sind es knapp eine Hand voll.

FLUGTIPP: Cathay Pacific bietet die beste Flugverbindung von Zürich nach Kunming (via Hongkong) an. Wer den Langstreckenflug nicht in der Economy verbringen, sondern etwas mehr Komfort möchte, dem empfehlen wir die Premium Economy – dazu hier unser Testbericht.

ASIEN REISESPEZIALIST: Bei unserer Reise wurden wir vom Asienspezialisten tourasia unterstützt. All die Hintergrundinformationen, Geschichten und Begegnungen mit Menschen verdanken wir dem äusserst spannenden Begleiter Cheng Ke, der ein fundiertes Wissen über sein Land besitzt.

Falls Sie die Reise interessiert, ist diese als Privatreise bei tourasia als «Yunnans unbekannter Süden» buchbar. Interessierten, neugierigen Menschen, die mehr als nur Strandferien suchen, ist diese Reise zu empfehlen.

Auch wenn die Hani-Reisterrassen von Yuanyang unser erklärtes Ziel sind, möchten wir bereits unterwegs in Chinas Kultur, Leben, Kulinarik und Denken eintauchen.

nĭ hăo China – wir sind mittendrin

Es ist das erste chinesische Wort das wir lernen: nĭ hăo. Es heisst Guten Tag. Ein weiteres, das wir in unseren Wortschatz aufnehmen ist «xièxie», so bedankt man sich hier. Ansonsten lächeln wir. Höflich und vor allem viel. In den nächsten Tagen sind wir froh, dass uns der kundige Cheng Ke begleitet. Er sagt über Yunnan: «Hier herrscht die Natur – die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten, die in China existieren, finden sich auch bei uns.» Gletscher, Wüsten, Vulkane, alle Landschaften seien in der Region vertreten. Und zwar auf Höhenlagen zwischen 76 bis auf 6’740 m ü. M.

Ein Radarkasten nach dem anderen?

Als unser Fahrzeug unterwegs zum wiederholten Mal geblitzt wird, antwortet unser Fahrer lachend, dass dies keine Radar-Blitzgeräte seien, sondern eine Art Überwachungssystem. Die Nummernschilder werden in regelmässigen Abständen abfotografiert, damit die Routen der Fahrzeuge nachverfolgt werden können. Eines ist somit klar: Wir werden nicht verloren gehen.

Zu Gast bei Familie Zhu

Am Abend des ersten Reisetags erreich wir Jianshui. In dieser alten Stadt mit Kopfsteinpflastern und unzähligen historischen Gebäuden landen wir in einem Irrgarten – dem ehemaligen Anwesen der Familie Zhu. In diesem Labyrinth wohnte die einflussreiche Familie in 214 Zimmern, mit 42 Innenhöfen. Die Fläche? Schlappe 20’000 Quadratmeter. Einige der Zimmer sind zu einem einfachen Gästehaus umfunktioniert. Eine Heizung sucht man in den Schlafgemächern trotz kühlen Temperaturen vergebens. Eine Eigenheit, der wir auf dieser Reise immer wieder begegnen: Hier mummen sich die Menschen in warme Jacken ein; selbst öffentliche Räume wie Restaurants sind oft nicht beheizt, die Türen jeweils offen.

Die Altstadt von Jianshui ist bilderbuchgleich. Man fühlt sich mehrere Jahrhunderte zurückversetzt. Imposant ist das Osttor der Stadt, der Chaoyang-Turm. Über 600 Jahre alt und Cheng Ke fügt an: «Das Tor gilt als Vorbild des Zhengyangmen-Stadttor am Tian’anmen-Platz von Peking.»

Reich an Geschichte und Erlebnissen

Wer Yunnan bereist, realisiert schnell: China ist voller Geschichten, Philosophien und Brauchtümern. Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus – ja die Liste der verschiedensten Lebenskonzepte, von Fabeln, Mystik und Ideologien ist lang und für uns Westler beinahe nicht zu überblicken. Die Geschichten, Cheng Ke erzählt uns eine nach der anderen, sind spannend. Oft auch irritierend, aber immer unterhaltsam. Genauso wertvoll sind die Erlebnisse am Wegesrand: Die dampfenden Nudelsuppen, die Fruchtmärkte, der Anblick von Geisterstädten, das Begehen von jahrhundertealten Tempelanlagen und die wiederkehrende Ohnmacht der sprachlichen Barriere machen die Reise zu einem intensiven Erlebnis.

Wars das?

Und schliesslich erreichen wir Duoyishu. Ein Dorf inmitten der Hani-Reisterrassen. Wir haben das Ziel unserer Reise erreicht, den Ort mit den weltbekannten Reisterrassen – sie zählen zu den schönsten von ganz Asien. Und was wir hier sehen, verschlägt uns tatsächlich den Atem: Nebel, nichts als eine milchige Suppe. Cheng Ke zuckt mit den Schultern, sagt: «Die Region zählt 200 Nebeltage pro Jahr», versichert uns aber, dass wir zur besten Jahreszeit hier seien. Ein schwacher Trost.

Am nächsten Tag, wir stehen extra vor sechs Uhr früh für den Sonnenaufgang auf, dasselbe Bild: Nebel, wo man hinschaut. Ernüchterung macht sich breit – wir wissen, am nächsten Tag geht die Reise weiter. Und die Wettervorhersage ist unverändert schlecht. Unternahmen wir tatsächlich eine Reise um die halbe Welt, um hier vor diesen wunderbaren Reisterrassen zu stehen, sie aber nicht zu sehen?

Die Hani – eine zähe Bergbevölkerung

Wir lassen uns währenddessen die Geschichte der Region erzählen, sprechen mit Einheimischen, beobachten wie sie Nudeln herstellen und kosten das einfache, aber köstliche Essen. Hier im Gebiet der Yuanyang Reisterrassen leben sechs verschiedene Minoritäten: die Dai, Zhuang, Hani, Yi, Miao und Yao. Zusammen widmen sie sich dem Reisanbau, wobei das Wissen und die Federführung bei den Hani und ihren animistischen Priestern liegt. Die Arbeit ist hart, alles wird von Hand und mit Hilfe von Ochsen erledigt. Maschinen werden keine eingesetzt – was durch die steile Hanglage auch schwierig wäre. Dabei nutzen die Reisbauern die Wasserbecken der Reisterrassen zusätzlich für Fischzucht. Ein interessanter Kreislauf: Die Fische ernähren sich von Schädlingen – eine Art biologische Schädlingsbekämpfung – der Mensch wiederum kommt so in den Genuss von frischem Fisch.

Und die hiesige Bergbevölkerung ernährt sich nicht nur selbst, sie nähen auch ihre Kleider selber und bauen die Häuser aus eigener Frauenkraft. Richtig gelesen, Häuser werden hier nicht von Männern gebaut. Es sind die Frauen, die auf ihren Rücken bis zu 60 Kilogramm Baumaterial zu den Baustellen schleppen.
Was sie sich denn für eine Zukunft für ihre Kinder wünscht, fragen wir eine zähe Berglerin. Sie schaut uns fragend an. Versteht nicht. Als wir die Frage umformulieren, meint sie schulterzuckend: «So etwas überlegen wir uns hier nicht.» Ihre Traditionen sind alt und sollen fortbestehen. Während sich ganz China modernisiert und für die Zukunft fit macht, lebt man hier noch wie in den vergangenen Jahrhunderten und möchte dies auch nicht ändern.

Und dann fahren wir wieder die Gegend ab, in der Hoffnung, dass irgendwo die Sonne durch den dichten Nebel bricht. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber nach Sonnenuntergang ist sie für diesen Tag derart tot, lebloser geht nicht.

Petrus: Kannst du uns hören?

Am nächsten Tag überlegen wir uns, ob wir überhaupt wieder vor sechs Uhr aufstehen sollen. Überwinden uns doch, rechnen damit, dass wir nach einem Blick aus dem Fenster gleich wieder ins Bett können. Doch da scheint der Nebel gar nicht mehr so dicht zu sein. Man erkennt an einigen Stellen die Reisterrassen. Wir ziehen uns an, schultern das Fotoequipment und gehen raus. Und tatsächlich: Die Sonne sticht durch die Nebeldecke.

Die Magie dieses Augenblicks, auch weil wir gar nicht mehr damit gerechnet haben, ist einnehmend. Das Aufatmen gross. Und der Anblick dieser gigantischen Flächen von Reisterrassen ist berauschend. So stellen wir das Programm kurzerhand auf den Kopf, bleiben noch einen Tag länger und widmen uns der Fotografie – nebst Reiseartikeln, wollen wir schliesslich auch Bilder für unsere Online Galerie nuvu.ch produzieren.

Ein steiniger Rückweg

Auch die Rückfahrt nach Kunming wartete noch mit einem Highlight auf: den Steinwäldern von Shilin und Naigu. Die «Shilin National Scenic Area», zu der die Steinwälder, Wasserfälle und Höhlen gehören, umfassen insgesamt 400 Quadratkilometer. Dabei führen schmale Wege durch das gigantische Labyrinth aus hochaufragenden Kalksteinformationen. Und auch hier gilt: Verloren geht in China niemand, dafür sorgen dutzende Kameras am Wegesrand.

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nuvu | FINE ART PRINTS

Nico Schaerer und Martin Hoch produzierten in China Bilder für nuvu.ch, eine Galerie für ausgewählte, unabhängige Gegenwartsfotografie. Die Marke steht für höchste Qualität und Echtheit – die Bilder tragen Geschichten und Erlebnisse in sich. nuvu.ch