In Taiwan liegt der Hauptsitz des chinesisch-buddhistischen Ordens Fo Guang Shan. Unsere Autorin Eva Hirschi verbrachte dort einen Tag mit einem Buddhistischen Mönch – aus Österreich.

Es ist punkt 5 Uhr 40, langsam wird es hell draussen. Ich habe in einem Zimmer der «Bamboo Garden Lodge» im Fo Guang Shan Zentrum in Taiwan, nahe der Grossstadt Kaohsiung, übernachtet. Eigentlich hatte ich mich auf eine kleine Zelle mit Waschbecken und chinesischem Plumpsklo eingestellt, fand mich aber zu meiner grossen Überraschung in einem mittelgrossen, nicht einmal so rustikal eingerichteten Zimmer wieder – sogar mit Fernseher, Wasserkocher und Tee.

Auch mit dem Badezimmer hatte ich Glück; westliche Sitztoiletten sind in Südostasien längst nicht überall Standard. Auf der etwas harten – im Vergleich zu den Berghütten in Nepal oder den Jugendherbergen in China jedoch relativ weichen – Matratze habe ich gut geschlafen und warte nun in der Lobby auf Mönch Hue Shou.

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Vom Christ zum Buddhist

Der chinesische Name trügt, Hue Shou ist Österreicher, mit bürgerlichem Namen heisst er Gerhard Fröschl. Aufgewachsen ist er auf dem Land in einem kleinen Dorf. Als Katholik. Der Religionsunterricht an der Schule vermochte ihn aber nicht zu überzeugen, zu viele seiner Fragen an das Leben, an Gott blieben unbefriedigend oder überhaupt nicht beantwortet. Doch im Unterricht wurde nicht nur über Katholizismus gesprochen, auch andere Religionen wurden angeschnitten. Bald begann sich Fröschl für Buddhismus zu interessieren. «Ich war neugierig und Buddhismus war damals noch etwas Cooles, Exotisches», erzählt er. In der Nähe seines Gymnasiums gab es ein Buddhistisches Zentrum, ein Ableger der Wiener Buddhisten. «Und so studierte ich nach dem Gymnasium ein halbes Jahr japanischen Zen Buddhismus.»

Danach drängte der Alltag den Buddhismus wieder in den Hintergrund. Doch Fröschl empfand zunehmend eine Unzufriedenheit, es zog ihn weg von zu Hause, weg von Österreich, gar von Europa. Er landete in Südafrika, arbeitete hart, führte ein schönes Leben – acht Jahre lang. Doch auch dort fand er in Geld, Auto, Haus und Familie keine langfristige Befriedigung. «Ich sah den Sinn des Lebens nicht», sagt er.

Die Lehre aus dem Buddhismus hatte er zwar zeitweilen im Alltag nicht mehr angewendet, doch aus seinem Kopf war sie nie verschwunden. Er ging ins Kloster und beschloss, sich voll und ganz mit dem Buddhismus auseinanderzusetzen. Um schlussendlich aber auch den Mönchsorden zu erhalten, musste er zum Hauptsitz des Fo Guang Shan Ordens in Taiwan. Dort blieb er. Auf enorm viel muss er nun verzichten, nicht einmal eigene Kleider besitzt er. Und dennoch: Sein ehemaliger Alltag bestehend aus Arbeit, Geld und Familie fehlt ihm nicht.

Chinesisch sprechender Österreicher

Mittlerweile spricht Hue Shou fliessend Mandarin – auch wenn die Angestellten des Klosters ab und zu über seine falsche Aussprache lachen, wie er unbekümmert erzählt. Pünktlich holt er mich also an diesem Morgen ab, in seinem hellbraunen Gewand, den Kopf rasiert, freundlich lächelnd. Er nimmt mich mit zur Morgenandacht.

Wir gehen zum grossen Saal und warten, bis die Mitglieder des Klosters hineinschreiten und auf kleinen Kissen am Boden platznehmen. Es müssen um die hundert Personen sein. Die Stimmung ist bewegend, niemand spricht, diese Stille ist merkwürdigerweise gleichzeitig bedrückend als auch befreiend. Wir folgen ihnen, setzen uns hinten auf eine Bank. Ein Gong wird geschlagen, die Luft füllt sich mit den singenden Gebeten, so monoton und rhythmisch, dass man fast in eine Art Trance fällt. Ein beeindruckendes Erlebnis.

Das Leben im Fo Guang Shan ist strenger geregelt als in den meisten Orten, verrät mir Hue Shou später. Jedes Mitglied des Ordens hat eine Aufgabe. Morgens sieht man Schwestern die Strassen fegen, andere bereiten das Essen vor oder gehen einkaufen. Hue Shou ist dank seinen Sprachkenntnissen (und weil er, wie er selbst sagt, zwei linke Hände hat) für die Touristen verantwortlich und führt sie durch die Anlage, nimmt sie mit zur Morgenandacht oder zum Mittagessen. «Das ist definitiv einer der besseren Jobs, auch wenn ich eigentlich am liebsten den ganzen Tag alte Schriften lesen würde», sagt Hue Shou mit einem Augenzwinkern.

Buddhismus auf spielerische Weise

Fo Guang Shan ist ein chinesisch-buddhistischer Orden, dessen Hauptsitz in Taiwan liegt, nahe Kaohsiung. Als Buddhismus-Neuling war mir nicht einmal bewusst, dass es verschiedene Orden und Richtungen gibt. Hier wird ein humanistischer Ansatz des Buddhismus verfolgt, welcher auf einer modernen Buddhistischen Philosophie beruht, erklärt mir Hue Shou. Dieser Orden ist relativ jung, gegründet wurde er im Jahr 1976. Inzwischen gibt es aber alleine in Taiwan über 100 Kloster und Tempel, die zum Fo Guang Shan Orden gehören, weltweit nochmals 100 weitere, über alle Kontinente verteilt. Selbst in der Schweiz befinden sich zwei, erfahre ich, und zwar in Luzern und Genf.

Nach der Morgenandacht zeigt mir der Mönch den Rest der Anlage. Es gibt viel zu sehen; verschiedene Museen und Ausstellungsräume, eine Meditationshalle, Kunstgalerien, Schreine mit Buddha-Statuen, einen Andachtsraum, eine Bibliothek, ein kleines Kino, einen Kalligraphie-Raum, und sogar einen Schrein mit einer angeblichen Zahnreliquie von Buddha. In nur einem Tag lerne ich unglaublich viel über den Buddhismus – natürlich auch dank meinem persönlichen Guide Hue Shou. Das ist auch das Ziel. Wer eher Ruhe, Entspannung und Meditation sucht, sollte nur mit genügend Zeit hierhin kommen. «Manchmal wollen Touristen innerhalb von zwei Tagen Meditieren lernen – wie soll das bitte schön gehen?», fragt sich Hue Shou. Das Zentrum eignet sich viel eher dafür, mehr über den Hintergrund und die Leitlinien des Buddhismus zu erfahren. So ist eines der Leitmotive des Zentrums auch die Vermittlung von Buddhismus durch Kultur.

Die Anlage ist sehr modern und interaktiv gestaltet, die Geschichte des Buddhismus und die Botschaften Buddhas teilweise stark vulgarisiert, so dass man sie auch ohne jahrelanges Studium der Originalschriften – wie es Hue Shou gemacht hat – zumindest ansatzweise versteht. An jeder zweiten Ecke hat es einen Bildschirm, über welchen Informationen, ein Filmchen oder Bildern flimmern, man kann eine digitale Kerze mittels eines Touchscreens anzünden oder erhält eine Botschaft Buddhas auf die Hände projiziert.
Als westlicher Besucher mag das auf den ersten Blick befremdend, ja gar etwas kitschig wirken, doch Hue Shou hat schon oft gesehen, wie sehr sich Asiatische Gäste über die bunten Attraktionen, niedlichen Novizenstatuen und interaktiven Technologiegeräte freuen. Die Vermittlung des Buddhismus scheint somit perfekt auf Asiaten zugeschnitten, doch natürlich lerne auch ich als Europäerin viel.

Persönlich gefällt mir viel eher der Kaligraphie-Raum, in welchem man individuell und in kompletter Stille die chinesischen Zeichen mit Tinte und Feder nachzeichnen kann. Oder die Aussicht vom Samantabhadra Schrein auf dem Hügel, auf welchem ein kühler Wind weht und man nur die sanfte Musik und das Singen der Vögel hört. Natürlich ist auch die grosse Buddha-Statue sehr beeindruckend.

Kritischer Mönch

Die Gespräche mit meinem Guide Hue Shou sind sehr interessant. Er ist durchaus auch kritisch, wenn er von der Geschichte des Buddhismus und den heutigen Praktiken erzählt – dann lässt er Kommentare fallen wie «das steht aber nirgendwo in den Lehren», oder «das wurde fälschlicherweise so interpretiert.» Ein Gespräch mit ihm ist nicht belehrend, sondern bereichernd, regt das eigene kritische Denken an. Er macht Witze, nimmt weder den Buddhismus noch sich selbst zu hundert Prozent ernst und bewegt mit seinem unbekümmerten Frohmut auch zurückhaltende Asiatinnen zu einem Lächeln.

Dennoch ist Buddhismus mehr als nur eine Lebensphilosophie für ihn: Es ist ganz und gar sein neues Leben. Jedenfalls in diesem Leben: «Wenn ich etwas in diesem Leben nicht haben kann, dann tröste ich mich damit, dass ich es immer noch in meinem nächsten Leben erhalten kann», sagt er. Ich merke, dass er seinen jetzigen Lebensstil nicht mehr ändern möchte, sondern dass er gefunden hat, wonach er suchte. Und das freut mich ehrlich für ihn.

Anreise: Mit SWISS ab Zürich nach Taipei via Hong Kong. Mit Schnellzug in zwei Stunden nach Zuoying. Danach mit Bus zum Zentrum.
Unterkunft: «Bamboo Garden Lodge» im Zentrum Fo Guang Shan.
Beste Reisezeit: März bis Mai und September bis November. Im Sommer ist Regenzeit/Taifunsaison.
Sprache: Taiwanisch/Mandarin; viele Taiwaner sprechen aber Englisch.
Währung: Taiwanische Dollar (1 CHF = ca. 30,4 TWD)