Tiefgründige Gemüse- und Fleischgerichte zieht Vilde Frang (30) den popigen Marshmallows vor. Die norwegische Geigerin spielt auf internationalen Bühnen, hat dieses Jahr bereits den vierten Echo-Klassik abgeräumt, und mag es ganz einfach, Musik mit Essen zu vergleichen. Und was Bühnen und Autobahnen gemeinsam haben, hat die stille Vilde Frang vor ihrem Konzert am Vivacello in Liestal verraten.

GlobeSession: Frau Frang, welche ist Ihre Lieblings-Geigen-Saite?
Vilde Frang: Ich kann mich auf keine Saite festlegen. Denn nur mit allen zusammen, kann ich alles werden: eine Trapezkünstlerin, eine Gärtnerin, eine Seidenspinnerin.

Was macht Sie als Künstlerin einzigartig?
Die Kritiker und mein Publikum machen mich einzigartig. Ich sehe mich selber nie aus der Perspektive, aus der ich an mir eine Einzigartigkeit erkennen könnte. Mich überrascht es immer wieder, was mein Umfeld in meinen Ideen und Zielen erkennt.

Jetzt mal ehrlich: Wird es nicht langweilig, immer nur Musik zu spielen, die schon zig andere vor einem gespielt haben?
Nein. Die klassische Musik ist so zeitlos wie ein Grundbedürfnis. Vom Essen und Trinken hat man ja auch nicht plötzlich genug.

Also tickt für die klassische Musik keine Uhr, richtig?
Richtig. Sie ist auch nicht käuflich. Klicks und Views zählen nicht. Es geht nie um Sensationen. Ihr Wert liegt viel höher, er ist universell. Deshalb werden Stücke von Bach oder Mozart auch nie zu Oldies.

Sie haben monatlich über 58’000 Hörer allein auf Spotify und Sie wollen mir weiss machen, das interessiere Sie nicht?
Was, so viele? Das wusste ich nicht.

In der Popmusik erscheint praktisch täglich ein neuer Hit. Was ist so schwierig daran, neue klassische Musik genau so schnell zu etablieren? Fehlt die Nachfrage?
Die zeitgenössische «Klassik» hat einfach das Problem, dass die Leute das Gefühl dahinter nicht verstehen und das Stück nach einmal spielen bereits wieder weglegen. Klassik ist wie ein vielschichtiges Gemüsegericht. Man muss es langsam kauen und verdauen, dann erst merkt der Körper wie gesund es ist. Ich selber esse Gemüse nur im Notfall. Popmusik ist hingegen wie ein Marshmellow. Dessen Süsse versteht man schnell, sie ist nicht komplex.

Wenn wir schon bei den Schwierigkeiten sind: Was ist so schwer am Geigespielen?
Mir fällt beim besten Willen nicht ein, was daran nicht schwierig ist.

«Die Geige gibt mir eine Stimme»

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Wie viel Sportlichkeit steckt in Ihrer Musik?
Tatsächlich sehr viel. Ich übe nie direkt die Emotion, die ich transportieren möchte. Das wäre viel zu anstrengend. Ich trainiere die Technik, mit der ich eine Emotion ausdrücken kann. Meine Finger wissen dank des Trainings immer ganz genau, was zu tun ist. Das ist Sport. Die emotionale und musikalische Leistung kommt praktisch nur während Konzerten zum Vorschein.

Bietet die Klassik auf der Bühne überhaupt Freiräume für echte emotionale Interpretationen?
Natürlich. Bloss dann oft nicht, wenn vor dir ein Dirigent steht und alles dirigieren will mit seinem Stöckchen. Hier in Liestal spielen wir ohne und das funktioniert super. Die Leute hören aufeinander und warten nicht nur auf Befehle. Ich bin für mehr Musizieren und weniger Dirigieren.

Inwieweit unterscheidet sich Ihre Nervosität vor den jetzigen Auftritten von denjenigen in Ihrer Kindheit?
Heute schaue ich vielleicht vermehrt vorwärts und denke nur manchmal darüber nach, ob es dem Publikum gefallen wird. Als Kind hatte ich regelrecht Angst, wenn ich vor einem Orchester stand. Ich wollte nie reisen oder Konzerte spielen, sondern einfach nur Zuhause sein. Die Bühne ist ein gefährlicher Ort, es braucht Mut sie zu betreten, wie für einen Spaziergang auf der Autobahn.

Sind Sie denn schon einmal mitten auf der Autobahn spaziert?
Klar, schon oft. Manchmal spaziere ich dort nachts. In diesem überwältigenden Moment, wenn die Autos an mir vorbeirasen, fühlt es sich an, als wäre ich dazu auserkoren worden, ihn zu geniessen. Dann werde ich zur Königin. Genau wie auf der Bühne, wenn ich den Schritt wage, der Musik freien Lauf zu lassen.

Die Opernsängerin Cecilia Bartoli ist ein Vorbild von Ihnen. Wie können Sie sich als Geigerin trotzdem an ihr orientieren?
Ich will einfach das erreichen, was Cecilia Bartoli mit ihrer Stimme erreicht. Bartoli kann jede Rolle spielen, in allen Ton- und Emotionslagen singen – traurig, wütend, vor lauter Freude tobend. Meine Stimme eignet sich nicht dazu. Ich bin sehr verschlossen. Die Geige lässt diesen Kanälen aber keine andere Wahl, als sich zu öffnen und gibt mir damit eine Stimme.

Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle und Vilde Frang