Michael Winzap (59) ist seit September 2015 Botschafter in Kuala Lumpur. Der gebürtige Bündner spricht mit GlobeSession über Geburtstagseinladungen vom König, warum er immer mit einem Bambusstock joggen geht und seinen Wunsch, Asiaten würden etwas häufiger Nein sagen.

GlobeSession: Wie sehen die Beziehungen zwischen der Schweiz und Malaysia aus?
Michael Winzap: Die Schweiz und Malaysia haben sehr gute Beziehungen. Diese werden vor allem durch den Handel geprägt. Über 140 Firmen mit Schweizer Bezug sind in Malaysia tätig, insbesondere im Bereich der Pharma, Chemie, Maschinenbau und Uhren. Wirtschaftlich gesehen hat Malaysia viele Vorteile: Das Land besitzt viele Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas oder Palmöl. Doch nun muss sich Malaysia dringend diversifizieren, nicht zuletzt wegen der gesunkenen Erdölpreise. Das Klima wäre beispielsweise auch gut für die Landwirtschaft, es ist das ganze Jahr warm und feucht, doch eine solche Arbeit ist bei den Malaysiern unbeliebt. Das merkt man übrigens bereits im Supermarkt: Das Gemüse kommt mehrheitlich aus Australien und Neuseeland, was aus ökologischen Gründen suboptimal ist.

Ein weiterer Vorteil ist der geografische Standort von Malaysia – nahe zu Thailand, Vietnam, Singapur aber auch Japan und China. Zudem besteht rund 60 % der Bevölkerung aus Malaien, ein Viertel sind chinesisch-stämmige Malaysiern und knapp jeder Zehnte hat indische Wurzeln. Dies vereinfacht den Kontakt zu den grossen Handelspartnern wie China und Indien. Trotzdem muss Malaysia aufpassen; wie man so schön sagt: «Wenn China niest, kriegt Malaysia einen Schnupfen», denn China ist der wichtigste Handels- und Investitionspartner Malaysias.

Wie sieht Ihr Alltag als Botschafter aus?
Meine Hauptaufgabe ist es, Türen zu öffnen und Kontakte mit malaysischen Regierungsstellen und Geschäftsleuten herzustellen. Ich unterstütze Schweizer Firmen bei Fragen oder Problemen, ermögliche ihnen den Kontakt zum Handels- und Wirtschaftsministerium, berate und begleite Schweizer Delegationen, welche nach Malaysia reisen. All dies bringt der Schweiz Visibilität.

Was für kulturelle Unterschiede nehmen Sie wahr?

Bezüglich Umgangsformen ist Malaysia typisch asiatisch, alles ist sehr harmonisch und Sie finden hier kaum jemanden, der Ihnen Nein sagen wird, das wäre viel zu „harsch“. Wenn Malaysier an etwas kein Interesse haben oder nicht einverstanden sind, dann sagen sie einfach «I will let you know» und melden sich dann nie wieder. Ich habe mich inzwischen an diese Sachverhalte gewöhnt.

Malaysia ist das einzige Land mit einer parlamentarisch-demokratischen Wahlmonarchie, das alle fünf Jahre einen neuen König wählt. Haben Sie als Botschafter auch Kontakt zum König?
Das stimmt, Malaysia ist zwar mit 13 Gliedstaaten föderalistisch aufgebaut, ähnlich wie die Schweiz. Es gibt aber auch einen König. Der hat vor allem repräsentative Funktionen, auch wenn in allen Restaurants und Lokalen ein Bild von ihm hängt. Ich selbst habe ihn nur ganz am Anfang einmal getroffen, um ihm mein Beglaubigungsschreiben als Botschafter zu überreichen. Sonst habe ich keinen Kontakt zu ihm, konkrete bilaterale Fragen bespreche ich mit den entsprechenden Ministerien. Ich werde aber regelmässig – zusammen mit den anderen Botschaftern – zu seinem Geburtstag eingeladen. Da gibt es ein Händeschütteln und ein kurzes Gespräch.

Wie wird die Schweiz in Malaysia angesehen?
Es kommt immer wieder vor, dass ich gefragt werde, warum die Schweiz als kleines Land ohne Rohstoffe so erfolgreich ist. Der Erziehungsdirektor hat mir beim letzten Treffen mehrere Rankings unter die Nase gehalten und gesagt «Schau, hier, hier und hier ist die Schweiz an der Spitze, wie macht ihr das nur?» Ich erkläre ihm dann, dass wir zwar kein Öl und kein Gas haben, dafür aber stark in die Bildung und Weiterbildung investieren. Diese Bereiche sind wichtig gerade für ein hochentwickeltes Land wie die Schweiz. Es geht allerdings nicht darum, dass Malaysia das Schweizer System tel quel übernimmt, das wäre nicht zielführend; es kann aber eine Quelle der Inspiration sein.

Sie waren bis 2015 Botschafter in Jordanien. Was für Unterschiede erleben Sie in Ihrer Arbeit in Malaysia?
Es ist ein enormer Kontrast zu meiner Arbeit als Botschafter in Jordanien und Irak. Als Nachbarsland von Syrien haben wir die Konsequenzen des Kriegs dort jeden Tag gespürt. Sehr viele Flüchtlinge kamen nach Jordanien, wir haben ihre Leidensgeschichte gehört. Es handelte sich vor allem um Frauen und Kinder, die Männer waren ja im Krieg am Kämpfen. Wir mussten uns laufend über die aktuelle Situation informieren, da der Krieg auch nach Jordanien hätte überschwappen können, und mussten deshalb ständig bereit sein für eine allfällige Evakuation. Wir haben täglich Kriegsbilder gesehen – solche Bilder gehen einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf. Da wird man ganz demütig und schätzt ein sicheres Land wie Malaysia umso mehr.

Natürlich war auch die Arbeit an sich eine andere. In Jordanien haben wir humanitäre Hilfe geleistet, Zugang zu Trinkwasser für die syrischen Flüchtlinge hergestellt, Schulen wiederaufgebaut. Das Frustrierende war, dass man nur die Symptome, beziehungsweise die Auswirkungen des Krieges lindern konnte; die Kriegshandlungen gingen hingegen weiter. In Malaysia ist es eine ganz andere Welt, hier geht es vor allem um Wirtschaftsbeziehungen und Handel. Verglichen mit Jordanien ist das zumindest psychisch eine Erholung. Natürlich hat Malaysia auch seine Probleme, zum Beispiel mit der Korruption. Doch während in Jordanien die Zerstörung in der Kriegsregion dominierte, ist Malaysia von Aufbau, Modernisierung und Optimismus geprägt.

Wie sieht Ihr Leben in Malaysia nun aus?
Nach der Arbeit gibt es praktisch jeden Abend Einladungen für die Nationalfeier eines Landes oder Einladungen bei Geschäftsleuten und Freunden. Am Wochenende steht Sport auf dem Programm, insbesondere Golf. Ich reise gerne im Land aber auch in anderen Regionen Asiens. Zwei Mal pro Woche gehe ich am Morgen früh joggen, rund um den Golfplatz hat es eine Rennbahn. Am Anfang traf ich dort auf zwei streunende Hunde. Der Grössere hat sich schnell verzogen, als ich laut gerufen habe, aber der Kleine bellte hartnäckig zurück und kam näher. Die Angestellten des Golfplatzes haben ihn zum Glück nach einer Weile vertrieben. Seitdem ging ich zur Sicherheit immer mit einem Golfstock in der Hand rennen – meine Kollegen rieten mir, ich sollte doch einen Bambusstock nehmen, der sei leichter.

Wie sieht die Sicherheitslage für Touristen aus?

Malaysia ist grundsätzlich ein sicheres Land, gerade das Festland. Eine Ausnahme bildet aber der Süd-Osten der Provinz Sabah auf der Insel Borneo, die Malaysia mit Indonesien und Brunei teilt. Dort entführen Philippinische Islamisten immer wieder Touristen, natürlich besonders gerne Ausländer, um ein hohes Erpressungsgeld zu fordern. Die Lage ist ernst zu nehmen, letztes Jahr wurde eine deutsche Frau ermordet und ihr Ehemann entführt, eine kanadische Geisel wurde enthauptet. Diese Region sollte man also unbedingt meiden.

Die Islamisierung nimmt auch auf dem Festland Malaysias zu, doch hier erlebe ich ein friedliches Zusammenleben. Die Mehrheit der Bevölkerung ist zwar muslimisch, doch 40 Prozent sind Nicht-Muslime. Die Chinesen sind häufig Christen oder Buddhisten, die Inder Hindus. In den Einkaufszentren trifft man sowohl auf Chinesinnen in Mini-Jupes als auch auf Musliminnen mit Burkas. Die Toleranz ist gross.

Was sind Ihre Lieblingsorte in Malaysia?

Sabah ist ein Paradies für Taucher. Mir gefällt auch Penang, Langkawi oder Pangkor. Doch schon nur Kuala Lumpur finde ich einmalig. Es ist eine moderne Grossstadt und dennoch erreiche ich von der Schweizer Botschaft aus mit dem Auto in fünf Minuten einen riesigen Golfplatz mit zwei 18-Loch-Anlagen. Man ist also sofort mitten in der Natur, es hat viele Bäume, Vögel, Affen und sieht dennoch die Hochhäuser – wo gibt es das sonst auf der Welt?

Der Vorteil des Golfplatzes ist natürlich auch, dass es eine Art Treffpunkt ist – hier trifft man auf andere Botschafter, Behördenmitglieder aus den Ministerien und Wirtschaftsleute. Ich bin ein mittelmässiger Golfer und gehe lieber joggen oder schwimmen, aber es ist ein guter Ort, um Leute kennenzulernen und sich auszutauschen.

Sie führen also ein gutes Leben hier?
Ja, verglichen mit anderen Destinationen ist die Lebensqualität hier natürlich um einiges höher. Die Zeit in Jordanien war sehr spannend aber auch belastend. Man fühlt sich so ohnmächtig. Hier kann ich ein entspannteres Leben führen. Es ist unmöglich zu begreifen, wie verschieden die Menschen auf der Welt miteinander umgehen können und Krieg und Zerstörungen während Jahren andauern. Da wird man philosophisch und vor allem auch demütig und dankbar, für das, was man hat.