Text Martin Hoch, Bild Beatrice Straubhaar, Martin Hoch
In der Schweiz erleben wir seit einigen wenigen Jahren ein Revival: Heile Welt, Naturverbundenheit und Heimatgefühl sind wieder hip. Die Schweizer Hoteliers setzen auf den “Alpinen Chic”, Musiksender spielen vermehrt einheimische Musik und während die Schweizer Presselandschaft Leser verliert, gewinnt einzig noch die von Ringier lancierte “Landliebe” an Zuwachs. Genauso gewinnen die Scherenschnitte aus dem Berner Oberland seit ein paar Jahren wieder an Beachtung. Als mich Gstaad-Tourismus ins Saanenland einlud, fragte ich daher, ob es möglich wäre, mit einer Scherenschnittkünstlerin zu sprechen.


Gstaad – Saanen

Beatrice Straubhaar PortraitBeatrice Straubhaar

scherischnitt.ch

Seit 1988 geht Beatrice Straubhaar der Scherenschnittkunst hauptberuflich nach. In ihrer Freizeit ist sie aktiv: Skifahren, Wandern, Zumba, Segeln und Motorradfahren sind für sie der ideale Ausgleich.

Beatrice Straubhaar – Scherenschnittkünstlerin

“Aus reiner Neugierde”, ist die Antwort von Beatrice Straubhaar auf meine Frage, weshalb sie sich ursprünglich der Psaligrafie, also der Scherenschnittkunst, zuwandte. Das war vor über 30 Jahren.

Ich blicke Beatrice Straubhaar an. Sie ist voller Energie, redet, lacht und besitzt einen blitzschnellen Geist. Auch das Smartphone ist immer in ihrer Nähe: “Ja das kleine Gerät raubt einem viel Zeit. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich viel zu viel Zeit in den Sozialen Medien verbringe. Technik fasziniert mich.” So hätte ich mir eine Scherenschnittkünstlerin nicht vorgestellt.

30 Jahre Scherenschnittkunst, das hat auch seinen Preis. Beatrice zeigt mir ihr Handgelenk: “Dieses Handgelenk wurde vor nicht langer Zeit operiert. Das andere musste ich schon vor längerem operieren.” Diese filigrane Arbeit, diese immergleichen feinen Bewegungen, setzen den Sehnen zu, können zu einer chronischen Sehnenscheidenentzündung führen. Eine Berufskrankheit, die auch Frisöre kennen. Aber aufhören? “Nein, Scherenschnitte sind meine Leidenschaft, das ist wie eine Sucht”, entgegnet sie ganz klar.

Alpaufzüge, Hütten und Kühe

Während die Künstlerin arbeitet, betrachte ich einige ihrer Werke. Sie zeigen vorwiegend traditionelle Szenen: Alpaufzüge, ländliche Landschaften, Hirsche, Kühe, Alphütten oder Frauen in Trachten. “Beatrice, was ist dein Markenzeichen, was ist dir besonders wichtig?” Beatrice Straubhaar legt die kleine Schere zur Seite, ihre Augen verengen sich: “Ein Bild muss Klarheit haben. Die Ausgewogenheit von schwarz und weiss muss stimmen. Ausserdem möchte ich das traditionelle Kunsthandwerk erhalten und nicht verändern oder neuinterpretieren.” Ich beginne darüber nachzudenken. Beatrice Straubhaar arbeitet weiter an ihrem Scherenschnitt. Ich möchte nicht provozieren, frage dann aber doch: “Aber Beatrice, unter uns, was du mit deinen Scherenschnitte zeigst ist simple heile Welt – hat das noch etwas mit der Realität von heute zu tun?” Sie lächelt mich an und sagt: “Von meinem Arbeitsplatz aus sehe ich den Geltengletscher, das Wildhorn und das Spitzhorn. Während ich arbeite höre ich Radio und meine zwei Katzen sind immer bei mir und schauen mir zu. Auch wenn nicht immer alles ganz perfekt ist: Für mich ist das hier die heile Welt.”

Ein Bild muss Klarheit haben.

Ich muss alle Motive seitenverkehrt zeichnen.

Die Bergwelt in den Scherenschnitten

Beatrice Strauhaar wendet sich wieder ihrem Scherenschnitt zu. Ruhig, fast meditativ sitzt sie da – die Welt um sie herum scheint für sie zu entschwinden. Ich schaue mir nochmals ihre Scherenschnite an. Bleibe bei den verschiedenen Gebirgspanoramen hängen und frage: “Sind dies fiktive Gebirgspanoramen oder zeigen sie die Berge der Umgebung?” Beatrice Straubhaar antwortet: “Teils sind es nicht real existierende, oft aber Nachbildungen unserer Bergwelt. Das ist ausserdem gar nicht so einfach umzusetzen. Denn vor dem Schneiden, zeichne ich die Bilder auf der weissen Rückseite. Das heisst, ich muss alle Motive, wie die Berge, seitenverkehrt zeichnen. Manchmal bin ich schlussendlich selber verwirrt, wie die Berge nun in echt aussehen.”

Nachwuchsprobleme bei Scherenschnittkünstlern

Während die Scherenschnitte für die Betrachter wieder in Mode gekommen sind, erkennt man einen solchen Trend beim Kunsthandwerk selber noch nicht. Es gibt nur wenig Nachwuchskünstler. Wieso das so sei, frage ich Beatrice Straubhaar. Sie zuckt die Schultern und meint: “Es braucht eben Geduld. Mann muss sich hinsetzen und sich dem Kunstwerk widmen. Das scheint für Junge nicht attraktiv zu sein”, dann lacht sie und fügt hinzu: “Es gibt halt noch keine App, die einem diese Arbeit abnimmt.”

Das Gespräch mit Beatrice Straubhaar war interessant. Als ich danach noch durch Saanen spaziere, die alten Häuser und die dahinter aufragenden Berge betrachte, muss ich der Künstlerin rechtgeben: Saanen ist ein Stück heile Welt.

Aktuelle Scherenschnitt Ausstellung – Landesmuseum Zürich
Aktuell und noch bis zum 19. April 2015 gibt es im Landesmuseum Zürich eine Ausstellung über die Kunst der Scherenschnitte, inklusive “Schauschneiden”, zu sehen.

Martin-Hoch-PortaitMartin Hoch (34)

GlobeSession.com

Martin Hoch widmete die letzten Jahre dem Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebauten VW-Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur.